Lied, am Sprudel in Carlsbad zu singen
By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
Written 1784-01-01 - 1784-01-01
Rausche leiser, edle Quelle,
Unser Lied ertönet dir,
Schweigend kamen wir zur Stelle,
Aber singend scheiden wir.
Gabst nicht du die Stimm' uns wieder,
Die zu Hause war erkrankt?
Billig denn durch laute Lieder
Dir zuerst sie freundlich dankt.
Blasser war ich hergegangen,
Als der Mond dort über mir,
Und mit Pfirsichrothen Wangen
Spiegl' ich heute mich in dir.
Für der Freundin rothe Wange,
Für ihr Auge klar und hell,
Dein Geschenk allein! empfange
Unsern Dank, du Wunderquell.
Jüngst noch schlich ich matt an Krücken
Zu dem Wunderquell' hinan,
Denkt Euch, Freunde, mein Entzücken,
Daß ich heute tanzen kann.
Quell! wir hangen hier die Krücke
Unsrer Freundin, dankend auf,
Und zu diesem Denkmal' blicke
Hoffnungsvoll der Lahm' hinauf.
Ha! des Todes kalte Hippe
War dem Nacken schon so nah,
Und ich wandelndes Gerippe
Steh' itzt wie der Vollmond da.
Ja! selbst dieses Freundes Leben
Ist, o Quelle, dein Geschenk.
Dein, bis wir der Erd' entschweben,
Sind wir dafür eingedenk.
Krummer hatt' ich mich geschrieben,
Als ein Raths-Notarius.
Freude war mir's, mich betrüben,
Jetzt ist meine Freud' ein Kuß.
Keinen fröhlichen Gedanken
Bracht' ihm selbst der Wein ins Herz,
Doch aus dir, o Quelle, tranken
Seine Lippen wieder Scherz.
Freund'! ihr hörtet sonst mich schreien,
Wenn das Seitenweh mich stach,
Laßt den Quell uns benedeien,
Der ihm seinen Dolch zerbrach.
Ja! sey dreimal hochgepriesen,
Quelle, die du all' uns labst,
Dreimal hoch, daß du Elisen
Ihren Freunden wieder gabst.