LIXSturm und Schilf

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1861-01-01 - 1861-01-01

Mit Gott zu hadern ist nicht wohlgetan,

Es lockt Gesellschaft von Dämonen an.

Durch meine Fensterluke späh ich vor,

Der Wurf der Welle sprüht zu mir empor.

Den schwarzen Riesenbaum am Inselhorn

Umlodert flammender Gewitterzorn.

Aufrauscht's im Schilf, wild fährt der Sturm einher,

An tiefsten Lebenswurzeln rüttelt er.

Der Teufel saust im Wind und pfeift und lacht

Und meinen Namen ruft er durch die Nacht.

„Hei Hutten, der, von Wellenschaum umspritzt,

Auf einer öden Klosterinsel sitzt!

Du gleichst dem Helden deines Scherzgedichts,

Du bist der Niemand und zerrinnst in Nichts!

Der du gedurstet und gehungert hast,

Hinweg! Mach Raum für einen klügern Gast!

Dir schlag ich eine Grabesinschrift vor:

‚Er focht für Wolken und er war ein Tor.‘

Fahr hin! Doch eh du stirbst, der Welt ein Spott,

Erleichtre dir das Herz und lästre Gott!“

Gebärde, Teufel, dich nicht allzu wild!

Entgegen halt ich dir des Glaubens Schild!

Den lichten Helm des Heils zerspellst du nicht

Mit deinen Feuerpfeilen, Bösewicht!

Ein Gutes gibt's! Du bist mir ärgerlich

Und eine Wahrheit! Teufel, hebe dich!

Gesättigt wird das menschliche Geschlecht

Mit Wahrheit werden und getränkt mit Recht!

Der Sturm verstummt. Der Hohn des Bösen schweigt...

Dort! Ein Gebilde, das dem Schilf entsteigt!

Es ringt die Hände, wie ein Geist in Pein!

Gebückt und jammernd, wie mein Mütterlein!

„Was wandeltest den Frieden du in Streit?

Warum zerstörtest du die alte Zeit?

Wo dich die Kirche liebevoll umfing

Mit ihrer sieben Gaben heil'gem Ring!

Wo dich die Kirche mütterlich begrub

Und triumphierend in den Himmel hub!

Der den erprobten Segenskreis zerriß,

Bist, Hutten, du des neuen Pfads gewiß?“

– Wer flüstert mir so traute Worte zu?

Verschlagner Dämon, wieder bist es du!

Ich glaube nicht an alter Zeiten Glück!

Ich breche durch und schaue nicht zurück!

Hinüber retten wir in neue Zeit

Und edle Form den Hort der Frömmigkeit...

Wir ziehn! Die Trommel schlägt! Die Fahne weht!

Nicht weiß ich, welchen Weg die Heerfahrt geht.

Genug, daß ihn der Herr des Krieges weiß –

Sein Plan und Losung! Unser Kampf und Schweiß!

Gesiegt! Doch schwer! Mir keucht die Brust so bang

Wie einem Menschen, der mit Riesen rang.