Lob-Schrifft. Uber den andern theil Arminius des Herrn von Lohenstein.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Der weißheit muster-platz das witzige Athen

Ließ einst Minervens ruhm im tempel auffzusetzen

Befehl an den Alcmen und Phidias ergehn:

Sie solten beyderseits ihr bild in marmol ätzen.

Die arbeit ward vollbracht; Die urtheil lieffen ein.

Und endlich ward der preiß dem ersten zugesprochen;

Weil iede linie weit schärffer ausgestochen

Die stellung aber schien von mehrer kunst zu seyn:

Und menschen insgemein mit maulwurffs-augen schauen

Was sie wie luchsen doch sich zu ergründen trauen.

Doch wie ein seiden-wurm in raupen sich verkehrt;

So muste ieder auch ein ander urtheil fällen;

Nachdem dem Phidias sein bitten ward gewährt

Und man die bilder ließ auff hohe säulen stellen.

Denn nunmehr machte sich der fehler offenbar

Und ließ die kluge welt aus allen gliedern lesen:

Daß des Alcmenens witz im maase blind gewesen

Und Phidias sein werck von gräder theilung war.

So gar kan wissenschafft wie silber von der erden

Durch eil und unverstand offt überwogen werden.

Wer der gelehrten welt in ihren tempel gehn

Und eine gleichung will mit bild und büchern machen

Wird lernen daß wir noch nicht anders als Athen

Durch frühes urthel offt das beste werck verlachen.

Denn wem ist wohl der streit der federn nicht bekandt;

Wer weiß nicht wie sich wesp’ und honigseim verbinden?

Die meisten fliegen sind bey marcipan zu finden;

Die schönste stirne wird von warmer lufft verbrannt;

So wird der besten schrifft nachdem sie nur gebohren

Auch die verleumdung bald zum schatten auserkohren.

Der weise Plato ward vom schüler schon verlacht;

Der güldne Cicero vom Crispus umgetrieben.

Polybius wird noch in schulen offt veracht;

Da keiner doch so treu von deutschen hat geschrieben.

Scioppius verwirfft den klugen Tacitus;

Weil er der laster brunn im Nero nicht verschwiegen:

Ja Strabo suchet schon im Metrodorus lügen

Und hat an mängeln doch selbst einen überfluß.

So artig wissen wir durch urthel unsre flecken

Wie parden ihre haut im laube zu verstecken.

Ein eintzig kopff gebührt offt tausendfachen streit

Gleichwie ein finsterniß im meere tausend wellen.

Drum schilt Riccobonus der Römer lieblichkeit

Weil ihre federn nicht nach seiner zunge qvellen;

Und meynt daß Plinius viel worte nur geschmiert

Der Tacitus zu rauch und Flor zu kurtz geschrieben;

Sveton und Spartian die sprache schlecht getrieben

Und endlich Marcellin zu harte reden führt.

Als ob der sonnen-licht die strahlung von den sternen

Rom aber römisch noch von kinder solte lernen.

Der alten possen-spiel trifft auch die neue welt

Nur daß person und platz im spiele sich verkehren.

Des Cominäus ruhm den Gallien erhält

Sucht Mejer wie der plitz die cedern zu verzehren

Sleidanus arbeit wird von vielen schlecht geschätzt

Und hat wie Strada schon ihr urthel-recht erlitten.

Wie hatte den Thuan Baptista nicht verschnitten?

Wie ward dem Lipsius die feder nicht gewetzt?

Und was will Cromer nicht vor fehler andern zeigen

Die doch bey dutzenden aus seinen schrifften steigen?

Das macht die meisten seyn vor grossem eyfer blind

Und führen gall und zorn im kopffe wie Sardellen:

Drum kan ihr urthel das von wermuth fast zerrinnt

Wie qvitten nicht zugleich mit muscateller qvellen.

Den andern mangelt gar zuweilen der verstand

So wie den krebsen blut und wilden bäumen feigen:

Ja wenn ihr geist sich soll im alterthume zeigen

So ist den ärmsten offt das jota kaum bekandt;

Und dennoch soll ihr ruhm nach tausend klugen Griechen

Und ihre feder wie Cardanus athem riechen.

Doch rechte weißheit bleibt so wenig unterdrückt

Als Pyrrhus edles hertz im feure kan verbrennen.

Denn sterne werden doch durch glaß und kunst erblickt;

Und purpur lernet man bey reinem purpur kennen:

So steigt der bücher glantz auch endlich himmel an

Wenn ihre schrifften sich auff hohe säulen stellen.

Das ist: wenn witz und fleiß das urthel drüber fällen

Und der gelehrten spruch dem pöfel dargethan:

Wie wenig den Bodin ein Sergius erreichen

Und sich Pallavicin kan einem Svavis gleichen.

Die arbeit Lohensteins hat beydes schon erlebt

Eh noch ihr wesen recht zu leben angefangen.

Denn vielen ist der ruhm der ihren geist erhebt

Nicht anders als der senff in nasen auffgegangen;

Viel haben ihren Mosch mit pfeffer überstreut

Und nur wie Araber den balsam angerochen;

Biß recht und klugheit ihr die palmen zugesprochen

Und endlich wahr gemacht: daß eyfersucht und neid

Wie dünste durch die glut der sonnen auff der erden

Durch schrifften zwar erregt doch auch gebrochen werden.

Itzt tritt der andre theil in die gelehrte welt

Sich an dem ehren-preiß des ersten zu ergetzen

Und will den blumen-tantz den jener vorgestellt

Durch einen wunder-streit von bäumen hier ersetzen.

Vielleicht zum zeugnisse: daß rosen und jasmin

Doch am geruche noch dem myrrhen-saffte weichen

Chineser äpffel mehr als liljen anmuth reichen

Und bücher insgemein mit grosser arbeit blühn;

Im schliessen aber so wie reiffende morellen

Auch von sich selber offt mit süssem zucker qvellen.

Und warlich allzu recht. Denn dorten plitzt der krieg

Und läßt das deutsche reich in flammen fast zerfliessen;

Hier schleußt Arminius den friedens-vollen sieg

Und hat das vaterland der Römer macht entrissen.

Das erste haben schon die barbarn ausgedacht;

Hier aber werden viel die klugen lehren finden:

Daß wer den frieden will auff blosses eisen gründen

Ihn wie oliven-safft in bley zunichte macht

Und fürsten rühmlicher mit schlauen crocodilen

Durch weichen und verstand als scharffe waffen spielen.

Wo aber heb’ ich an den ungemeinen geist

Des edlen Lohensteins nach würden auszudrücken?

Der was in andern man nur glieder-weise preist

Hier voller wunder läßt aus einem buche blicken.

Denn auch gelehrte sind mit ihrer phantasey

Wie affen offtermahls mit honig nicht zu füllen;

Drum mißt Mirandula der grobheit tausend grillen

Und Anaxagoras dem monde berge bey

Er aber war bemüht wie bienen zu ergründen

Wie man viel blumen soll in einen teig verbinden.

Der menschen erstes licht ist himmel und natur

Wie schwefel-werck und saltz das leben dieser erden.

Ein unvernünfftig thier muß witzig durch die spur

Die seele durch vernunfft zu einem engel werden.

Wer sieht nicht was sein fleiß vor proben abgelegt?

Wie er das kluge wachs der alten umgegossen

Den geist des Socrates von neuem auffgeschlossen

Den weisen Seneca Thusnelden eingeprägt

Und endlich durch sein licht im schreiben mehr erwiesen

Als man an dem Petrarch’ und Loredan gepriesen.

Die staats-kunst die nechst Gott des scepters auge seyn

Und fürsten wie den leib der schatten soll bedecken

Schleußt er weit lustiger in liebes-zucker ein;

Als sie Savedra weiß in bilder zu verstecken.

Der tieffe Gracian legt seinem Ferdinand

Wie eher sich August vor seinem Hermann nieder.

Uns aber scheint der glantz der alten zeiten wieder;

Weil wir des letzten bild im Leopold erkannt

Und uns ein Lohenstein in alten finsternissen

Die sonne dieser zeit so artig abgerissen.

Doch staats-gedancken sind in fürsten kinder-art

Denn beyde pflegen sich beym feuer zu verbrennen

So lange nicht ihr witz sich mit erfahrung paart

Und sie ihr ungelück aus fremder angst erkennen.

Drum laufft sein eyffer auch in die vergangne welt

Und forscht woher der brunn der Deutschen sey entsprungen

Wie weit der Marobod den degen hat geschwungen

Und das verhängniß Rom die grentzen ausgestellt?

Doch so daß mehrentheils gleich wie in purpur-schnecken

Die perlen neuer zeit in alten schalen stecken.

Diß ernst-erfüllte werck mischt sein geübter geist

Wie köche kostbar fleisch mit süssen mandel-kuchen

Wenn er die eigenschafft der dinge besser weist

Als Schott- und Lemnius mit vieler arbeit suchen:

Bald auch den gottesdienst der alten welt betracht

Und seine fehler weiß im grunde vorzustellen

Zu zeigen daß auch most den magen kan vergällen;

Der beste bisem offt wie knobloch eckel macht

Und lehren wenn wir sie zu viel und häuffig brauchen

Wie falscher weyrauch leicht ohn alle glut verrauchen.