Macht der Liebe

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Liebe wechselt Berg' und Thale,

Machet Höhn und Tiefen gleich,

Diese Flur zum Göttersaale,

Jenen Hain zu Paphos' Reich.

Wer geliebet wird und liebte,

Schäfer oder Schäferin,

König dünkt sich der Geliebte,

Die Geliebte Königin.

Welch ein Ton von zarten Saiten

Singet meinen Tönen nach?

Sind es Geister? Sie begleiten

Mich mit ihrem Wunsch und Ach.

„Warum wurden wir betrübet?

Fühleten wir nicht mit Euch?

Liebt, so werdet Ihr geliebet;

Gleichgefühl ist Gottes Reich.“

Steiget nieder zu dem Thale,

Kalte Höhen, dürr und reich!

Macht die Flur zum Göttersaale,

Gebet und genießt zugleich!

Liebe kränzet nur mit Myrten;

Doch im seligsten Gewinn

Wird der König gern zum Hirten,

Die Sultane Schäferin.