Mai-Feier

By Otto Julius Bierbaum

Written 1887-01-01 - 1887-01-01

Der Mai ist voller Nücken

Und hat es so an sich,

Daß man einander drücken

Muß ganz absonderlich;

Einander liebzuhaben,

Ists die gewisse Zeit

Für Mädchen und für Knaben, –

Einander liebzuhaben

In großer Zärtlichkeit.

Die Haut ist nie so samten

Den Mädchen, wie im Mai;

Und wenn sie mich verdammten,

Die von der Klerisei,

Ich muß es frei bekennen:

Ich streichle gerne sie

Und fühl ein hold Entbrennen, –

Ich muß es frei bekennen:

Mir wird, ich weiß nicht wie.

Und ach, der Augen Funkeln!

Hilf, heiliger Florian!

Sie leuchten selbst im Dunkeln

Und zünden alles an.

Die kältesten Herzen brennen

Wie Zunder lichterloh:

Großfeuer ists zu nennen, –

Die kältesten Herzen brennen

Und sind des Brennens froh.

Her mit dem feuchten Strohe

Der Sorgen und des Wehs!

Aufpraßles in der Lohe

Des Mai-Autodafés!

Die Liebe soll verzehren,

Was uns der Schmerz beschert,

Auf Nimmerwiederkehren! –

Die Liebe soll verzehren,

Was nicht der Liebe wert.