Maimarkt

By Karl Henckell

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Heut ist Jahrmarkt. Von den Buden

Wehn knallrote Taschentücher,

Abgefeimte Schacherjuden

Recken ihre krummen Riecher

Geiermäßig mit Geschrei

In den lindengrünen Mai.

Emmenthaler Käseriesen,

Frischer Stiefel Lederduft ...

Staub beweißt die jungen Wiesen,

Krämerdunst verdickt die Luft.

Wachstuch in den grellsten Farben:

„Einen Franken für den Rest!“

Blumenhüte, Rüschen, Barben –

Bärbel, denk aufs Pfingstenfest!

Rudolf, Baroneß Vetsera,

Farbenblutdruckkatastrophen ...

Firuli und Firulera

Spielt die Orgel. Spitze Zofen

Mit den Kleinen fürnehm eilen,

Schrupperfeen gierig weilen.

Ein Student zieht durchs Getriebe

Mit der schwesterlichen Liebe.

Die hat immer was nach hinten,

Maiprinz Amor lädt die Flinten.

Aus des Busens Knopfsaum wedelt

Rotverführerisch ein Zipfel,

Da wird auch was eingefädelt,

Angebändelt, liebgemädelt ...

Wollust weht der Lindenwipfel.