Majestätsbeleidigung

By Karl Henckell

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Der Satan wurde Staatsanwalt,

Sein Herz, das war wie Eis so kalt.

Gott gab im Zorne dem Geschmeiß

Zum Busen einen Kübel Eis,

Und wo sonst Menschen Mitleid fühlen,

Da konnte man Champagner kühlen.

Zu Magdeburg in Vorhaft saß

Ein Sozialist, der jüngst vergaß,

Daß hoch im deutschen Vaterland

Ein Götze thront, S.M. genannt,

Des heiligen Namen zu betasten

Genügt, verbrechrisch zu belasten.

Zum Schutze solcher Majestät

Sind diesem Götzen früh und spät

Vom Mummelsee bis Helgoland

Viel Götzenwächter vorgespannt,

Die jedem Lästerer des Götzen

Das Messer des Gesetzes wetzen.

Zu Dessau lag mit reifem Leib

Im Wochenbett ein junges Weib.

Sie sah die schwere Stunde kommen

Und schrieb und bat so angstbeklommen

Den Büttelvogt: „O laßt's geschehn!

Darf ich ihn nicht noch einmal sehn?!“

Sie fleht' und schrieb zum andern Mal

In Finsternis und Seelenqual.

Vor ihren Augen fuhr der Tod

Schon auf sie zu in schwarzem Boot,

Und schaukelnd schwamm auf fahlem Teiche

Das Wieglein mit der kleinen Leiche.

Da, wie sie gell um Hilfe rief,

Bracht' ihr die Wärterin den Brief –

Vom Mann, zum Trost in Pein und Gram?

O nein! Die Weihnachtsbotschaft kam

Vom Staatsanwalt. So schloß sein Schreiben:

„Bedaure sehr, Ihr Mann muß bleiben!

Wir lassen keinesfalls ihn los,

Dafür ist seine Schuld zu groß.

Man wird ihn schwer bestrafen müssen ...“

Das arme Weib sank in die Kissen

– Ein jäher Schrei durch Mark und Bein! –

Und starb. Hier steht ihr Leichenstein:

„Im Reich der Gottesfurcht allhie

Zur Zeit der Schmach ward schwanger sie.

Ihr Mann fiel in des Satans Krallen,

Da hat es Gott dem Herrn gefallen,

Und nahm sie zu sich in der Nacht

Der majestätischen Niedertracht.“