Margarete

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Dornige Wege

bin ich gewandelt,

blutende Wunden

trag ich im Herzen,

lichtlose Tiefen

hab ich durchmessen . . . .

In Wogen des Schmerzes,

im Abgrund der Qual

fand ich eine Perle:

Dich, Margarete!

Wir schreiten über den Dünenweg,

als gält' es das Glück zu packen –

die Zweige schlagen uns ins Gesicht,

der Sturm sitzt uns im Nacken.

Vorüber geht es am grünen Grund,

am riedbewachsenen Hange,

vorüber am Siebenbirkenplatz . . . .

Die Wellen murmeln so bange.

Zur Linken ein steinernes Festungstor;

aus moosiger Mauern Kranze

blickt das Gesicht der alten Zeit –

das ist die Heydenschanze.

Zur Rechten das weite, blauende Meer,

darüber die Möwen kreisen,

drauf spielt der trotzige Harfner Sturm

uralte Freiheitsweisen.

Und nun ein blühender Schlehdornhag –

der Fink schlägt in den Wipfeln,

dann geht es aus schattigem Grund empor

zu leuchtenden Bergesgipfeln.

Und fragen wir schier erstaunt, wohin

der Weg uns endlich führe: –

da sind wir schon am Ziel, da stehn

wir an der Friedhofstüre.

Rotblühende Tannen nicken scheu

uns zu mit dumpfem Geflüster –

und drüben grüßt vom Leichenhaus

das Kreuz uns ernst und düster.

Ich lasse dich nicht, mein letztes Glück,

ich halte dich fest mit kräftiger Hand:

schaumsprühende Woge kehrst du zurück

an meines Lebens verlassenen Strand.

Du nie versiegendes tiefes Meer,

du Abgrund der Liebe, ich lasse dich nicht, –

meine Stirn so heiß und mein Auge schwer,

du gibst mir Kühlung, du gibst mir Licht!

Ob, was ich baute, in Trümmer bricht,

wonach ich faßte, wie Schaum zerstiebt:

der sich mein Wesen zu eigen gibt,

du meine Seele, ich lasse dich nicht!

Im fernen Westen ein blasses Rot,

auf schimmernden Wassern ein Fischerboot.

Von den Gräbern über die Dünen her

weht Blumenduft, so schwül und schwer.

Ein Vogel mit müdem Flügelschlag

irrt durch den blühenden Brombeerhag –

Und es fällt der Tau, und der Tag schläft ein . . .

wir beide hier oben ganz allein.

Wir beide hier oben Hand in Hand

schaun stille hinab ins verdämmernde Land:

In blassen Nebeln die Welt versinkt,

die letzten Laute die Stille trinkt.

Nun gleitet über das dunkle Meer

mit Sternensegeln die Nacht daher,

Und wo sie landet, wird Fried und Ruh, –

und einsam hier oben ich und du . . . . . . .

So fass' ich deine beiden Hände

und blick ins Auge dir ohne Laut:

du bist mein eigen bis ans Ende,

mir Schwesterseele, tiefvertraut.

Kein Trauern kenn ich, kein Begehren,

nickst du mir lieb und lächelnd zu: –

es ist, als ob wir fern auf blauen Inseln wären,

als überflösse nun ein abendlich Verklären

die sturmesmüde Welt – ein Traum von Sonnenruh.