Meer

By Gottfried Keller

Written 1845-01-01 - 1845-01-01

Der Himmel hängt, wie Blei so schwer,

Dicht auf dem wildempörten Meer;

Ein englisch Segel, fast die Quer,

Schießt wie ein Pfeil darüber her.

Ein Messer, so das Meer sich schliff,

Da starrt ein blankes Felsenriff

Und schlitzt das Engelländerschiff –

Das Meer tut einen guten Griff.

Viel tausend Bibeln sind die Fracht,

Die sinken in die Wassernacht;

Schon hat in düstrer Schuppenpracht

Das Seevolk sich herbeigemacht.

Da wimmelt es von Schlang und Fisch,

Sie sitzen am Korallentisch;

Her schießt der Leviathan risch:

„Was ist das für ein Flederwisch?“

Die Meerschlang, als die Königin,

Kommt auch und blättert her und hin;

Sie alle lesen emsig drin

Und forschen nach dem dunkeln Sinn.

Sie ziehn den Missionär empor

Und halten ihm die Bibel vor;

Doch der zu schweigen sich verschwor –

Das Meer durchbraust sein totes Ohr.