Mirtillus an seine von ihm entfernte Flavia.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Ich hätt' es gar gewiß nicht lange mehr getrieben,

Ich läg’ in kurtzer zeit in einer stillen grufft;

Allein der süsse kuß, den Flavia verschrieben,

Vergället mir die lust zur grauen todes-klufft.

So lange deine gunst mich noch mit zucker speiset,

So lange mich dein geist noch durch Lisetten küßt;

So lang’ ist Flavia mir noch nicht gantz verreiset,

Ob meine liebe gleich den grösten theil vermißt.

Ein etwas ist genung, Mirtillen zu erhalten,

Ein bloses wort von dir erquicket meinen geist.

Wie solte meine brust, mein treuer mund erkalten;

Den dein verliebter kiel mit holden küssen speist?

Allein du glaubest nicht, daß diese kleine fasten

Die starcke krafft gehabt, mich in die grufft zu ziehn;

Wie solt’ ich aber wohl in einer wüsten rasten,

Wo keine rosen nicht von deinen lippen blühn?

Jedoch ich irre mich. Dein unglaub’ ist gegründet,

Blieb auch dein aug’ und mund durchaus von mir entfernt;

Dein aug’, in dem mein geist des lebens sonne findet,

Dein mund, der mich den stand der unschuld kennen lernt.

Dein bloses ebenbild kan meine brust beseelen,

Das treuer liebe faust nächsthin hinein gesetzt;

Wer so begeistert wird, denckt an weit andre hölen,

Als in das kalte grab, da keine lieb’ ergetzt.

Indessen, liebster schatz! obgleich Mirtillus lebet,

Weil deine feder ihm itzt einen kuß verschreibt;

Obgleich dein schatten stets vor seinen augen schwebet,

Und selbst im hertzen ihn an statt der seele bleibt;

So kan dein etwas doch noch nicht dem gantzen gleichen:

Das wesen gehet auch dem schönsten schatten vor.

Die gegenwart allein läßt mich den port erreichen,

Die werthe gegenwart, die ich nächsthin verlohr.

Empfindlicher verlust! drum komm, ach komm geschwinde!

Getreue Flavia! sonst bleibt er unersetzt.

Ob ich das leben gleich in deinem bilde finde;

So werd’ ich doch durch nichts, als deinen kuß, ergetzt.