Mit leisem Nicken

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

An einem fernen, fremden Ort

war's, wo ich all mein Glück verloren;

ich ging, dich suchend, fort und fort

vorbei an festverschlossenen Toren.

Am fernen Horizont erblich

der Abendröte letzter Schimmer –

mit blutendem Herzen sucht ich dich

und suchte dich und fand dich nimmer.

Dann war's nach Jahren, als sich grau

das Haar um meine Schläfe schmiegte,

als auf der blütenleeren Au

der letzte Halm im Wind sich wiegte,

Daß wir uns trafen – daß du mir

von fern gewinkt mit leisem Nicken . . . . . . .

Ein Gruß von dir – ein Laut von dir –

ein Widerschein aus feuchten Blicken!

Und eh ich noch die liebe Hand

mit zärtlich festem Druck umfangen,

war schon dein Bild am Himmelsrand

wie Spätrotschein dahingegangen.

Da wacht ich auf. – Vor Sehnsucht blaß

sah Morgendämmrung in mein Zimmer;

mein Herz schlug laut, mein Aug war naß – – –

ich fühl's: ich seh dich nun und nimmer.