Mittagstille

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Welche tiefe Mittagsschwüle

Lagert überm Tal und zieht mich

Auf das weiche Moos hernieder,

Das, ein grün und goldner Teppich,

Sich um Eichenwurzeln breitet!

Alles still! Kein Lüftchen atmet.

In den mächt'gen Wipfeln rühret

Sich kein Blatt, am See kein Schilfhalm

Neigt sich flüsternd hin und wieder.

Tief im kühlsten Dickicht schlummern

Fink und Amsel, selbst die Sonne

Wandelt, müd und lässig blickend,

Langsam ihre Bahn im Traume;

Und wie alles nun im Kreise

Schweigt und ausruht, wie mir selber

Schwer es lastet auf den Wimpern,

Ist es mir, der Weltgeist schlafe.

Nur die Wolken dort, die luft'gen,

Ewig wechselnden Gestalten,

Ziehn im Blau, wie durch die Seele

Wandelbare Träume ziehen

Schnell geboren, schnell verschwindend.

Jetzt sind's weiße Friedensschwäne,

Schiffe jetzt mit stolzen Wimpeln,

Jetzt ein Schloß, auf dessen Zinnen

Blühend prächt'ge Gärten hangen.

Aus dem Schlosse steigt ein König

Silberbärtig, mit erhobner

Rechten segnet er die Völker;

Nun auf goldnem Wagen thronend

Naht ein hohes Weib, es schimmert

Schneerein ihr Gewand – so dacht' ich

Mir die Freiheit, wenn sie siegreich

Lächelnd hinfährt durch die Städte

Mit der Wage, mit dem Palmzweig.

Weil', o Göttliche! – Vergebens!

Schon zerrinnt die Glanzerscheinung

In die Luft, und neue Bilder

Drängen sich empor am Himmel.

Sind vielleicht die Wolken droben

Lichte Träume nur des Weltgeists,

Wenn er schlummert, Gottgedanken,

Die in luft'gen Stoff gebildet

Durch den klaren Himmel fluten,

Allzu schön für unsre Erde?