Morgen-Andacht
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Der beglänzte Mond erbleichet
Von der nahen Sonne Pracht
Aller Sternen Heer entweichet
Mit der hingelegten Nacht:
Auff mein Hertz und laß der Sünden
Finsterniß und Schlaff dahinden.
Den gewölbten Himmels-Bogen
Den Saffirnen Wunder-Bau
Hielt die dunckle Nacht umzogen
Die geraume Sternen-Au
Hegte zu des Höchsten Ruhme
Manche Licht- und Feuer-Blume.
Ihre Zier muß nun erblassen
Ihr entlehnter Glantz stirbt hin;
So muß auch der Mensch verlassen
Ehre Wollust und Gewinn:
Mühe dich das Licht zu finden
Das zu keiner Zeit kan schwinden.
Muß die Welt die Sternen missen
Und ohn alle Lichter stehn
Eh sie kan die Sonne grüssen
Also pflegt es uns zu gehn
Daß wir durch des Todes Schatten
Erst zur Ewigkeit gerathen.
Folgt der schnöden Eitelkeiten
Wandelbarer Mond der Nacht
Weist sich doch zur andern Seiten
Des verjüngten Tages Pracht;
Ach daß diese Morgen-Röthe
Deiner Sünden-Nacht ertödte!
Schau das Gold der Sonne gläntzen
Und am Himmel steigen auff
Da es in gewissen Gräntzen
Muß vollführen seinen Lauff;
Laß die Menge solcher Wunder
Seyn der todten Andacht Zunder.
Sieh die Perlen-Thränen thauen
Zu erquicken Laub und Graß
Wo du deiner Wangen Auen
Machst in wahrer Busse naß
Wird sich Gottes Gnad eräugen
Himmel-Schlüssel bey dir zeugen.
Dencke wie ohn alles Weinen
Ohne Nacht und Tunckelheit
Wird die Lebens Sonne scheinen
In der frohen Ewigkeit
Da du mit verklärtem Hertzen
Gleichen wirst den Himmels-Kertzen.
Auff! und schwinge dich bey Zeiten
Gleich den Vogeln Himmel an
Eine Stelle zu bereiten
Die dich ewig bergen kan:
Da du kanst in Ruhe stehen
Wenn die Welt muß untergehen.
Ubersteig die Sternen-Bühne
Suche dir ein heller Licht
Wünsch ach daß der Tag erschiene
Der die Welt in Stücke bricht
Daß mein Licht mein Jesus käme
Und mich ewig zu sich nehme!