Morgendämmerung

By Maler Müller

Written 1787-01-01 - 1787-01-01

Ich steh an einer Linde

Und lausche durch den Hain;

Und rufe dir, Belinde,

Voll stiller Liebespein.

Mit purpurroten Wangen

Voll schmelzendem Verlangen

Hüpft Zephyr durch den Hain

Und suchet seine Flora

Am Busen der Aurora,

Geweckt von gleicher Pein.

Noch schlummernd unter Rosen,

Die ihre Brust umglühn

Und spielend sie liebkosen,

Sieht ihn die Göttin fliehn.

Sie hascht ihn bei den Locken,

Die seinen Nacken fliehn,

Flicht Hyacinthenglocken

In seine goldnen Locken

Und herzt und küsset ihn.

Nun tanzen sie an Quellen

Verliebt im goldnen Hain,

Versilberen die Wellen,

Umsticken rund die Quellen

Mit Maienblümelein.

Wo find' ich dich, Belinde,

Belinde, du mein Licht?

Ich suche, ach ich finde

Dich unter Rosen nicht.

Ich suche dich in Sträuchen,

Die Vögelchen durchschleichen,

Die, wie ich, brünstig glühn.

Ich tappe unter Eichen,

Wo Lilj' und Veilchen blühn.

Der Tau fällt von den Zweigen

Auf meine Locken hin.

Schon ist ein Heer von Westen

Im Myrthenbusch erwacht

Und spielet unter Aesten.

Schon eilet von den Festen

Nach durchgelachter Nacht

Der frohe Schwarm von Scherzen

Mit abgebrannten Kerzen

In bunter Flügel Tracht.

Schon steigt vom goldnen Wagen,

Den Silberwolken tragen,

Aurora in das Tal,

In dicht verflochtnen Buchen

Den Liebling aufzusuchen,

Gejagt von Amors Qual.

Die goldnen Locken fliegen,

Von Rosen durchgeschmückt –

Sie sieht den Schönen liegen

Mit seligem Vergnügen,

Der ihre Brust beglückt.

Sie geht und pflückt Narcissen

Und kränzt ihn unter Küssen.

Von ihres Busens Schlägen

Erwacht der schöne Knab –

Ein bunter Blumenregen

Fällt über ihn herab.