Muscheln

By Wilhelm Müller

Written 1810-01-01 - 1810-01-01

Es braust das Meer, die Wogenhäupter schäumen,

Die Brandung stürmt die Burg des Felsenstrandes,

Und mit dem großen Orlogschiffe treiben

Die Wind' und Fluthen ihre wilden Spiele,

Wie Kinder mit dem leichten Federballe.

Sieh, meine Muse sitzt am Fischerherde

Und läßt den grausen Sturm vorübertoben,

Ein Pilgermädchen aus dem Mittellande,

Verschüchtert von den neuen Meereswundern.

Die Fischerinnen lachen ihrer Sorgen

Und flechten wohlgemuth an Weidenreusen,

Mit Liedern sich der Arbeit Länge kürzend.

Es sinkt die Fluth und ebnet sich zum Spiegel,

Die Winde segeln heim in ihre Klausen,

Und auf dem weichen Bett des Dünensandes

Verspülen sich die klaren blauen Wellen,

Wie müde Kämpfer, die nach Ruh verlangen.

Dann schweift die Mus' umher am nassen Strande

Und sammelt kleine Muscheln sich zu Kränzen.

Um ihre Füße spielen Wassermücken,

Bis eine Woge, länger als die andern,

Den ganzen Schwarm verschlingt und ihre Sohlen

Mit einem leisen kühlen Kuß berühret.