Muthwillige Blindheit.
Ach, laßt uns, da wir ja in andern Sachen
Nicht schläfrig sind, doch auch zu GOttes Ehren
Weil für sein Werck, das er so wunderbar geschaffen,
Die Seele leider scheint beständig fort zu schlaffen.
Denn weniger, als wir von GOttes Wundern sehn
Jm Wachen, kann es fast im Schlaffen nicht geschehn.
Bey den Gedancken fällt mir ein,
Was unlängst soll von Philopotamus
Geschehen und gesprochen seyn:
Nachdem derselbe sich fast gäntzlich blind gesoffen,
Sagt ihm sein Artzt: wofern er nicht
Sein meist bereits verlohrenes Gesicht
Wollt’ überall verliehren; müste Wein
Durchaus nicht mehr von ihm getruncken seyn.
Nun was geschicht?
Er sieht ein grosses Glaß voll Wein von ungefehr,
Ergreift es alsobald, schlägt hin und her
Mit seiner dürren Zung’, und spricht:
Zu guter Nacht, geliebtes Augen-Licht!
Mit diesem setzt ers an und macht das Wein-Glas
Fast jeder wird ob dieser That erschrecken;
Doch muß ich vielen dies, zur höchsten Scham, ent-
Es machte Philopotamus
Durch die Begier sich leiblich blind;
Allein wie manches Menschen-Kind
Spricht ebenfals: Wenn ich nur reich zu werden tauge;
Vergnügt sich einmahl nur mein kitzelndes Gefühl;
Erhalt’ ich in der Ehr’ mein vorgestrecktes Ziel;
Kann ich nur reicht, geliebt seyn, mich erhöhn;
Verlang ich nimmermehr, und wär es noch so schön,
Des Schöpfers Werck zu sehn.
Ach möchte dieses dir nicht mindern Schrecken,
Als Philopotamus brutale That, erwecken!
Ach, mögtest du des Schöpfers Weisheit, Macht,
Und Lieb’, in seiner Wercke Pracht,
Zu sehen, und mit Lust zu fassen,
Dich durch Begierden blind, nicht ferner hindern lassen!