N eu- J ahrs G edancken bey dem Eintritt des 1733sten Jahrs.

By Barthold Heinrich Brockes

Der Erden Kreis-Lauf, dessen Ende

Uns immer mehr und mehr vom Licht der Sonnen

Wodurch man immer mehr Nacht, Sturm und Frost ver-

Ist heute, GOtt sey Lob! vollbracht. Die frohe Wende,

Wodurch wir uns zur Sonne wieder drehn,

Ist allbereit geschehn.

Selbständige Weisheit! Selbständige Liebe!

Unendlicher ewiger Vater des Lichts!

Du rieffest einst Allem, und schuffst es aus Nichts.

Es drehn sich, durch deine bewegende Triebe,

Die Himmlischen Kreise. Die Angel stehn

Auf deinen Befehl. Es verfliegen, vergehn

Die Jahre nicht anders, als flüchtige Stunden;

Die Zeit scheint ein Punct-Fluß von schnellen Secunden.

Ach laß mich, zu deinen unendlichen Ehren,

Nebst andern, so irdisch-als himmlischen, Chören,

Bey unserer Jahre vollendeten Schrancken,

Dein' Allmacht erheben, durch Loben und Dancken!

Auf! auf, mein Geist! laß Brunst und Andacht glimmen,

Auf! auf, zu dieser Zeit, ein Danck-Lied anzustimmen

Dem grossen All, das alles schafft, regiret,

Und aller Himmel Heer in solcher Ordnung führet,

Daß alles unverrückt besteht,

Daß nichts aus seinen Schrancken geht!

Und da ich dich, geliebter Freund, allhier,

So wie vor dem einmahl, zu eben dieser Zeit,

Nicht ohn Vergnügen bey mir finde;

So, bitt ich dich, verbinde

Dein Lob-Lied auch mit mir.

Du hast, vor mehr als sieben Jahren,

Da wir im Neuen Jahr, wie jetzt, beysammen waren,

Mir einen grossen Dienst gethan,

Und von der duncklen Zweifels-Bahn

Mich abgeleitet, unterwiesen,

Und mir, des grossen Schöpfers Macht,

So überzeuglich beygebracht,

Daß ich dir oft gedauckt, den Schöpfer oft gepriesen,

Ich bin demnach von GOttes ew’gem Wesen

Von seiner Grösse Herrlichkeit,

Von seiner seeligen Vollkommenheit,

Genugsahm überführt. Das Welt-Buch läßt mich lesen:

Wie unbegreiflich-wunderbar

Sein Göttlich All an allen Orten sey.

Allein mir fällt noch oft ein alter Zweiffel bey.

Mich deucht, es sey noch lange nicht so klar,

Daß die Unsterblichkeit von unsern Seelen

Ohn Ungewißheit sey. Ich kann dir nichts verheelen,

Ich fühle daß mich noch verschiedne Zweiffel qvälen,

Und wünscht’ ich inniglich,

Daß du, aus Mitleid, dich

So viel beliebtest zu bemühen,

Mich aus des Zweifels Meer noch einst heraus zu ziehen,

In welchem ich noch treib’.

Ich stellte dir

Ja dazumahl verschiedne Gründe für,

Die überzeuglich gnug. Doch, da es GOtt zu Ehren

Vermuthlich auch gereicht, wenn ich, zu dieser Zeit,

Von seiner Liebe Größ’ und Unermäßlichkeit,

In Ansehn unsers Geists, was deutliches zu lehren

Mich jetzt beschäftige;

So will ich, auf dein Fragen,

Dir nicht allein hier meine Meynung sagen;

Ich will nachher, wie ich mir vorgenommen,

So, wie wir einst von der Materie

Verschiedne Kräft’, erstaunt, erwogen,

Durch einen neuen Trieb darzu gezogen,

Auch auf der Seelen Kräfte kommen,

Und, wo nicht mehr, doch minstens, eine Kraft

Und sonderbahre Eigenschaft

Der Menschen auf der Welt vorhandnen Seel’, erwegen,

Die deine Zweifel auch daneben

Vielleicht geschickt am kräftigsten zu heben.

Gieb, grosser Schöpfer, doch zu beydem deinen Seegen!

Was die Unsterblichkeit der Seelen nun betrift,

Bedaur’ ich zwar, daß dich von dieser Wahrheit,

So wenig mein Gespräch, als auch die Schrift,

Die doch hievon mit solcher Klarheit

Uns zeugt, dich überzeugt. Drum will ich mich bequehmen,

Nebst ihnen die Vernunft zu Hülff’ zu nehmen.

Um dieses nun noch ferner zu erklären,

So stell ich dir

Selbst aus der weisen Heyden Lehren,

Von unsrer Seelen Daur, hier ihre Meynung für.

Es saget hievon Cicero,

In Scipionis Traum, also:

Ein Wesen, das sich selbst beweget,

Dem wird die Kraft, daß es sich reget,

Weil es sich selbst nicht wird entstehn,

Auch nimmermehr vergehn.

Noch einen andern Grund

Legt Cicero Catoni in den Mund:

Da, spricht er, unser Geist so viel Geschwindigkeit

Auch die Erinn’rung hat von Dingen, die vergehen,

Da er voraus ersieht die Dinge künftger Zeit,

Die noch zu seyn nicht angefangen,

Da so viel Kunst und Wissenschaften,

So manch’ Erfindung an ihr haften;

So stimmt ja dieß mit ihr am meisten überein,

Sie müsse von Natur unsterblich seyn.

Es spricht derselbe noch an einem andern Ort:

Ich fühl’ in meiner Seel, wie sie sich selbst erhöhet,

Und wie die Nachwelt ihr also vor Augen stehet,

Als ob sie allererst, wenn sie von dieser Erde

Wird abgeschieden seyn, aufs neue leben werde.

Wenn unsre Seele nicht unsterblich wäre;

So würden wackrer Leute Seelen,

Mit solcher Mühe, nicht des Nachruhms Ehre

Und die Unsterblichkeit zu ihrem Zweck erwehlen.

Noch einen andern Grund bringt Xenophon uns bey:

Jhr seht, spricht er, wie nichts so ähnlich sey

Dem Tod’, als wie der Schlaff; nun zeigen Seelen,

Die schlaffen, ihre Göttlichkeit

Vortreflich an. Indem sie frey;

Sieht jede, von der künftgen Zeit,

Verschiednes schon vorher. Daraus ist leicht zu

Wie treflich Seelen seyn, ja noch erst werden müssen,

Wenn sie von ird’scher Last nun völlig erst befreyt.

Noch einen Grund sucht uns Alemäon vorzulegen:

Er schließt: daß unsre Seel’ unsterblich sey, deswegen,

Weil sie den Dingen gleich, die unvergänglich seyn.

Die Gleichheit nun trift darin ein,

Daß die Bewegung sich nie von der Seel entferne

Und daß, was Göttlich ist, die Sonne, Mond und

Ja aller Himmel Kreise

Sich regen auf dieselbe Weise.

Noch giebt ein andrer uns den Unterricht,

Wenn er, wie folget, spricht:

Die Seelen haben nur die Eigenschaft allein,

Daß sie stets jünger sind, je älter daß sie seyn.

Die Gründe haben zwar von Wahrheit einen Schein;

Allein,

Wenn man sie näher überleget,

Und ihre Würcklichkeit erweget;

Verlieren sie von ihrem Schimmer viel.

Sie sind mir wol bekannt, ich habe sie gelesen,

Sie sind mir lange nicht mehr unbewust gewesen;

Doch sind’ ich jetzt, sie gehn nur gar zu weit vom Ziel.

Wir wollen, nach der Reihe, gehn,

Und sie mit Fleiß und Achtsamkeit besehn.

Dein ersterer Beweis wär’ herrlich, wär es nur

Von ihr, als einer Creatur,

Erweißlich, daß der Seelen Kraft

Und der Bewegung Eigenschaft

Bloß von ihr selbst, und nicht vielmehr

Von

Entstanden und erhalten wär.

Denn wäre dieß; käm’ es ja gantz und gar

Auf GOttes Willen an, wie lang’ er gönne,

Daß sie sich so bewegen könne.

Der andre Grund ist noch so kräftig nicht,

Als wie der erste war.

Ans diesem folget zwar

Daß unsrer Seel’ es nicht an Kraft gebricht,

Daß sie ein herrliches, vortreflichs Wesen.

Doch daraus folget nicht, daß sie dazu erlesen,

Daß sie unsterblich sey. Weil die Erfahrung lehrt,

Daß oft das treflichste so lange, lange nicht,

Als etwas, so geringer, währt.

Der dritte wäre gut, wofern nur dieser Trieb

In aller Menschen Seelen brennte,

Und man denn die Versichrung haben könnte,

Daß GOtt, durch die Natur, ihn uns ins Hertze schrieb,

Nicht, aber daß vielmehr er überall

Sich ausgebreitet, durch den Fall,

Daß er vielleicht nur eine Schwärmerey

Und eine taube Frucht der eitlen Ehrsucht sey.

Auf deinen vierten ist die Antwort leicht zu finden:

Daß Seelen in der That

Oft, was zukünftig ist, im Schlaf empfinden,

Ist, was ein weiser Mann, noch nie geläugnet hat.

Ob aber das, was wir vom Künftigen erlangen,

Nicht durch Empfindungen geschieht,

Von Dingen, welche man hier gegenwärtig sieht,

Die auf das Künft’ge schon zu wircken angefangen,

Ist gantz ein’ andre Frag? Und wenn es gleich geschehe,

Daß eine Seel auf andre Weise

Jm Traum zukünftge Dinge sehe;

So folgte zwar daraus, daß, an Beschaffenheit

Sie gar vortreflich, herrlich, schön;

Doch könnte man ihr die Unsterblichkeit,

Allein hieraus, jedoch nicht zugestehn.

Dein Fünfter setzt voraus der Alten Lehren,

Die Aristoteles absonderlich gegläubt,

Daß alles Himmlische beständig bleibt,

Und daß die himmlischen Geschöpf’ ohn’ Ende währen;

So aber doch nicht zu erweisen.

Ja, wenn auch endlich diese Lehre

Erweißlich wäre;

So würde doch, was sie dahero schliessen,

Daraus nicht fliessen.

Denn, hätten gleich mit jenen Himmels-Kreisen,

Die Seelen die Bewegungs-Kraft gemein;

So folget doch noch nicht,

Sie müsten all gleich unvergänglich seyn.

Es fehlt der Schluß ja weit,

Und ist durchaus nicht einerley,

Daß die Bewegungs-Kraft das erste Wesen,

Und daß die Unvergänglichkeit

Desselben Wesens Wirckung sey.

Dein sechster Schluß hat auch viel minder Kraft, als

Mit der Erfahrung stimmt zwar dieses überein:

Je länger Seelen hier im Leib’ und auf der Erden;

Je reicher sie, an Witz und an Erfahrung, werden.

Hieraus nun scheint zu folgen, daß die Seelen

Vor sich nicht können untergehn,

Denn alles, was verdirbt (wie wir an Cörpern sehn)

Dem fängt es allgemach an Kräften an zu fehlen.

Ein Wesen aber, das sich stets an Kräften mehret,

Je länger daß es währet,

Scheint, weil es immer wächst und nimmer ab-

Zum Ende nie zu kommen.

Allein es zeigt sich auch,

Daß bey Veralteten die Kraft verrauch’,

Und sich verringere durch allerley Beschwehrden,

Da alte Leute kindisch werden.

Man spreche nicht,

Es kömmt, wenn dieß geschicht,

Bloß von Veränderung der Lebens-Geister her,

Nicht von Verändrung unsrer Seelen.

Denn wenn dem also wär;

So könnte dieß nicht fehlen:

Es sey, wenn Seelen zugenommen,

Von Aenderung der Lebens-Geister auch,

Nicht von der Aenderung der Seelen, hergekommen.

Ich muß es zwar gestehn,

Von diesen Gründen, giebt

Ein jeder zwar insonderheit,

Nicht gültigen Beweiß von der Unsterblichkeit.

Doch, wenn man sie zusammen bindet,

Und, als Erfahrungen betrachtet; so befindet

In ihr, ohn’ alle Dunckelheit,

Sich mehr doch als Wahrscheinlichkeit.

Absonderlich, wenn man noch andre dazu füget,

Als nemlich: man muß ja gestehen,

Daß Cörper nicht einmahl vergehen.

Zu nichts wird nichts, und mit Verändrung

Vergnügt sich die Natur, nicht mit Vernichtigung.

Vergehen nun nicht einst die Cörper, die von Erden,

Wie können Seelen denn vernichtigt werden?

Und ferner: Daß der Mensch des höchsten Willen,

Auf manche Art, geschickt sey, zu erfüllen,

Daß wir, vor allen Thieren,

So viele Vorzüg’ in ihm spühren,

Daß GOtt sich ihm, auf so bekannte Art,

Bekannt gemacht und offenbahrt;

Aus allen diesen folgt, in einer heitern Klarheit,

Die Himmel-feste Warheit:

Man kann durchaus nicht sehen,

Noch auf die minste Weise’ nur

Die Ursach, und den Grund, verstehen,

Wie und wozu die Seelen solche Gaben,

So manchen Vorzug doch, vor aller Creatur,

Von GOtt, erhalten haben.

Da wir, so gar in der Gestirne Prangen,

Und, in derselben Wissenschaft,

Von seiner Majestät und Herrlichkeit

Noch allererst, vor kurtzer Zeit,

Solch eine grosse Prob’ empfangen.

Wenn GOtt an selbiger vor andern allen

Nicht hätt’ ein gnädiges Gefallen

Und sie nicht liebete; was man nun liebt, erhält

Und schützt man, wenn man kann. Da GOTT, ein

Unstreitig alles kann; erhält er, was er liebet,

Und weil er ewig liebt; so kann es ja nicht fehlen,

Daß er ein’ ew’ge Daur auch unsern Seelen,

Die seiner Liebe sich nicht unwehrt machen, giebet.

Weil aber GOtt jedoch nun auch gerecht,

Und die so seine Huld, die ewig ist, verachten,

Auch ewig straffen kann; so scheint es wahr zu seyn

Daß böse Seelen auch, um ihren Fehl zu büssen,

Unsterblich seyn und lange dauren müssen.