Nach der Vorstellung von Romeo und JulieFußnoten

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

So kann denn selbst die fromme treue Liebe

Der große Sturm zum Schiffbruch' seyn?

Ich träumte sonst, ihr leises Lüftchen triebe

Den leichten Nachen dieses Lebens

In deinen Port, o Ruh'! hinein?

Ach! seh' ich dich den Todesbecher trinken,

So will ich fort, Romeo, will ihn dir

Entringen, will dir hin zu Füßen sinken,

Mich um dich klammern, schluchzend bitten:

Bleib, große Seele, bleib doch hier!

Doch, Julie! wenn du nicht einen Tropfen

Für dich hast, dann bewein' ich dich!

Muß nicht die Angst den Lebensquell verstopfen?

Denn laß ihn fließen, und er windet

Durch Sümpf' ins Thal des Todes sich.

Sieh, Amarant! auch mich kannst du verlieren.

Geschieht's, beweine du mich dann!

Doch auf den Pfad des Todes dich zu führen:

Das soll es nicht! denn, Haß, dem feigen,

Und Liebe, dem beherzten Mann'!

Das soll es nicht! Es könnt' uns ewig scheiden;

Und fliegt mein Geist zum Himmel hin

Schon itzt voraus, die zweite meiner Freuden

Ist, dort auch, die: daß ich auf ewig

Bei deiner Liebe selig bin!

Das soll es nicht! des Herzens voller Güte,

Des Kopfs voll Geist, ist diese Welt

Kaum werth, allein bedürftig; und was blühte

So frisch der Lorbeer, den die Ehre

Für dich in ihren Händen hält?

Wenn aber du den Kelch (dem Thoren – trübe,

Dem Weisen – klar,) noch vor mir leerst –

Ach! bin ich nicht ein Mädchen? und voll Liebe?

O guter Gott! und all' ihr Engel!

Mir, mir den Todestrank zuerst!