Nach einem alten Liede

By Johann Georg Jacobi

Written 1777-01-01 - 1777-01-01

Sagt, wo sind die Veilchen hin,

Die so freudig glänzten,

Und der Blumen-Königinn

Ihren Weg bekränzten?

„Jüngling ach! der Lenz entflieht:

Diese Veilchen sind verblüht.“

Sagt, wo sind die Rosen hin,

Die wir singend pflückten,

Als sich Hirt' und Schäferinn

Hut und Busen schmückten?

„Mädchen, ach! der Sommer flieht:

Diese Rosen sind verblüht.“

Führe denn zum Bächlein mich,

Das die Veilchen tränkte,

Das mit leisem Murmeln sich,

In die Thäler senkte.

„Luft und Sonne glühten sehr:

Jenes Bächlein ist nicht mehr.“

Bringe denn zur Laube mich,

Wo die Rosen standen,

Wo in treuer Liebe sich

Hirt' und Mädchen fanden.

„Wind und Hagel stürmten sehr:

Jene Laube grünt nicht mehr.“

Sagt, wo ist das Mädchen hin,

Das, weil ich's erblickte,

Sich mit demuthvollem Sinn

Zu den Veilchen bückte?

„Jüngling! alle Schönheit flieht:

Auch das Mädchen ist verblüht.“

Sagt, wo ist der Sänger hin,

Der auf bunten Wiesen

Veilchen, Ros' und Schäferinn;

Laub und Bach gepriesen?

„Mädchen, unser Leben flieht:

Auch der Sänger ist verblüht.“