Nacht-lied. J. v. M.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Jhr stillen lüffte dieser nacht

Mit denen ich zum öfftern schwatze

Fangt auff den thon den meine rede macht

Und tragt ihn hin nach jenem platze

Da wo mein engel liegt

Und in der hut der schönsten Amoretten

Auff schwanen-brust und feder-betten

Wird eingewiegt.

Eilt hin und seht an meiner statt

Das grab der edlen schönheit stehen

Was zeit und glück mir abgesaget hat

Das könt ihr unverwehrt durchwehen

Jhr solt der spiegel seyn

Darinnen ich diß himmels-bild betrachte

Was ich verehr und göttlich achte

Wist ihr allein.

Ich weiß daß dort der höchste preiß

Der schönheit ausgekramet lieget

Dran die natur mit ihrem grösten fleiß

Ein wunder an das andre füget.

Wer doch so selig wär

Daß nur ein blick so kühn so hoch dürfft steigen

Solt er auch gleich sich wieder neigen

Zur wiederkehr.

Sind gleich die augen zugethan;

Die sonnen sind nur untergangen

Um wenn der tag wird wieder brechen an

Mit mehrer glut und glantz zu prangen.

Die schönheit wird bey nacht

Verstohlen (und wär es gleich nicht ihr wille )

Viel sichrer und mit mehrer stille

Als tags betracht.

Des munds rubin bleibt ohne licht

Und in dem schlaff gleich hoch geröthet;

Doch dienet er zum küssen ietzo nicht

Wer schläfft der scheinet halb getödtet.

Drum kan die seele nicht

Zum küssen sich auff ihre lippen setzen

Und jene seele recht ergetzen

Die küsse bricht.

Schlaff sanffte göttin in der pracht

Der wunder deines leibes gaben

Der kühlen lufft in dieser stillen nacht

Sey die verwundrung eingegraben

Die aus dem hertzen quillt

Das sich verwirrt in deiner schönheit netze

Und gantz mit liebe deiner schätze

Ist angefüllt.