Nacht-lied. J. v. M.
Jhr stillen lüffte dieser nacht
Mit denen ich zum öfftern schwatze
Fangt auff den thon den meine rede macht
Und tragt ihn hin nach jenem platze
Da wo mein engel liegt
Und in der hut der schönsten Amoretten
Auff schwanen-brust und feder-betten
Wird eingewiegt.
Eilt hin und seht an meiner statt
Das grab der edlen schönheit stehen
Was zeit und glück mir abgesaget hat
Das könt ihr unverwehrt durchwehen
Jhr solt der spiegel seyn
Darinnen ich diß himmels-bild betrachte
Was ich verehr und göttlich achte
Wist ihr allein.
Ich weiß daß dort der höchste preiß
Der schönheit ausgekramet lieget
Dran die natur mit ihrem grösten fleiß
Ein wunder an das andre füget.
Wer doch so selig wär
Daß nur ein blick so kühn so hoch dürfft steigen
Solt er auch gleich sich wieder neigen
Zur wiederkehr.
Sind gleich die augen zugethan;
Die sonnen sind nur untergangen
Um wenn der tag wird wieder brechen an
Mit mehrer glut und glantz zu prangen.
Die schönheit wird bey nacht
Verstohlen (und wär es gleich nicht ihr wille )
Viel sichrer und mit mehrer stille
Als tags betracht.
Des munds rubin bleibt ohne licht
Und in dem schlaff gleich hoch geröthet;
Doch dienet er zum küssen ietzo nicht
Wer schläfft der scheinet halb getödtet.
Drum kan die seele nicht
Zum küssen sich auff ihre lippen setzen
Und jene seele recht ergetzen
Die küsse bricht.
Schlaff sanffte göttin in der pracht
Der wunder deines leibes gaben
Der kühlen lufft in dieser stillen nacht
Sey die verwundrung eingegraben
Die aus dem hertzen quillt
Das sich verwirrt in deiner schönheit netze
Und gantz mit liebe deiner schätze
Ist angefüllt.