Nachtfahrt im Gebirg

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Dunkle Felswände die Berghöh'n entlang,

Taleinwärts fuhren wir, es zogen

Die Nebel mit uns in hellen Wogen,

Ein wildes Heer, das sich auf und nieder schwang,

Ein Meer, das mit den Lüften rang.

Doch reingezackte Gipfel hoben

Im Licht des Mondes sich hervor,

Vom herrlichsten Blau der Nacht umwoben,

Und darüber flog im Schleierflor

Sein silbern Antlitz. Es tauchten

Zuweilen auch Wolken auf, glührot,

Als ob brennende Städte rauchten

Hinter den Bergen, als wär entloht

Ein Lavastrom und wälzte sich her; doch eilte

Darüber hin im Flug

Das leuchtende Gestirn und teilte

In der Wolken raschem Vorüberzug

Den nächtlichen Irrpfad, wo tief im Dunkeln

Umwaldeter Schluchten Licht an Licht

Aus fernen Häusern begann zu funkeln,

Bald einzeln und bald wieder dicht,

Wie Sterne des Himmels, – und die darin hausten,

Die hörten, vielleicht schon halb im Schlummer,

Wie wir vorüberbrausten,

Wenn sie nicht wach hielt nagender Kummer.

Denn auch in diese Hütten ein,

In die weltverborgensten Täler

Schleicht ja die Sorge sich, dringt die Pein,

Der Menschen nie müde Quäler.

Aber was wäre, frug ich, das Dasein hienieden,

Wäre dem Herzen nicht Kampf beschieden,

Der Kampf mit Schmerz und Qual?

Dieser blutrote Höllenstrahl

Erleuchtet die Tiefen der Menschenbrust,

Und Seelengröße wäre nicht

Und nicht des Sieges stolze Lust,

Wär nicht der Schmerz, der weiht, wenn er zerbricht.

Ach, schon erschauert mir tief

Das eigne Herz, und ich fühle mich zagen.

Wie? wenn zum Kampfe das Unglück mich rief',

Würd' ich's ertragen?

Müßt' ich aller Errungenschaft,

Jedem edleren Tun entsagen,

Und sähe mich weggerafft

Vor allem Erhabnen auf Erden,

Zur Fron des Tags mich gezwungen werden!

Und müßt' ich wieder wie vor Jahren

Das Furchtbare bestehn

Und das bitterste Leid erfahren,

In Geliebter brechendes Auge sehn?

In Zagnis fühl' ich vergehn

Den trotzigen Mut, der noch eben

Mit dem Verderben gespielt,

Der des Schicksals furchtbarem Weben

Kühn den Gedanken entgegenhielt.

Nie dünke sich der Mensch so groß,

Als könnt' er allem entsagen

Und über das allgemeine Los

In seinem Stolze sich wagen;

Denn, ist er gestorben – ein Jahr

Und mehr – dahin ist dann Alles, was er war,

Und selbst von seiner letzten Stunde

Lebt bei den Menschen kaum noch eine Kunde.

Schwerer ballten die Nebel sich und hatten

Undurchdringliche Dunkelheit

Über die letzten Lichter weit und breit

Emporgetürmt, gespenstige Schatten. –

Ja, da bist du, Vergessenheit!

Die jedes Glück du, Lust und Klage

Mit Nacht umhüllst, so wie dort über längst

In die Versteinerung gesunkene Tage

Du die Felsenstirnen mit Nacht umhängst. – –

Vergessenheit! Ende von Allem! Grenzenloses

Und traumloses Schlafen! Aufgenommen,

Erlöst zu sein und heimgekommen

Zur Ruhe des mütterlichen Erdenschoßes!

Ja, das wär' Alles, Aller letztes Wort

Und letzter Trost, wenn nicht dort

Aus jenen Sternen von der Größe,

Von der Unendlichkeit des Alls ein Schimmer,

Ein Flammenwink sich herniedergöße

Und unsers Daseins Ziel noch immer

Über all unser Fürchten und Hoffen weit,

Viel weiter noch hinauserstreckte,

Als es je die Vergessenheit

Und der ungeheure Tod bedeckte.