Neue Frühlings-Betrachtung.
Welch ein reges, allgemeines, pressendes, belebt Ge-
dränge
Muß, zur holden Lenzen-Zeit,
In nie unterbrochener, unvermerkter Aemsigkeit,
Zu dem unsrer Erden Fläche itzt bedeckenden Gepränge,
Luft und Land, und überall alles, was man siehet, füllen!
Alle Säfte gähren gleichsam, allenthalben sieht man fast,
Bald aus ungeschlachter Erde, bald aus einem dürren Ast,
Gras und Kräuter, Bluhmen, Knospen, Blüht’ und junge
Blätter quillen,
Auch mit ihnen, junge Schatten. Was, vor einer Stunde,
noch
Ungeformt im Klumpen saß, trennet und entwickelt sich,
Färbt, formirt sich, und erscheinet. Wie geschiehet dieses
doch?
Wird es denn aus den Behältern mit Gewalt hervorgedrun-
gen?
Kommt es etwan von sich selber aus der Knosp’ hervor-
gesprungen?
Oder zieht von aussen etwas sie aus ihrem Sitz herfür?
Wie bereitet sich in ihnen ihrer Form- und Farben Zier?
Wenn wir etwas zierlichs bilden, so geschicht es durch
die Hand,
Diese führet und regieret der sie leitende Verstand,
Und dieß nennen wir denn Kunst. Aber hier erblicken
wir
Etwas, welches, sonder Zuthun unsrer Seel und Hand, sich
bildet,
Sich bewundernswürdig färbt, sich versilbert, sich ver-
güldet.
Läßt sich hier nicht deutlich spüren, daß ein anderer Ver-
stand
Ausser uns vorhanden sey, eine weit geschicktre Hand
Ausser uns unsichtbar wirke? Ueberall sieht man die Spur,
Daß sie überall vorhanden. Ist es denn nicht unsre Pflicht,
Kunst und Weisheit zu bewundern, und der Wirkung der
Natur
Ehrerbietig nachzusinnen? Unser cörperlichs Gesicht
Siehet die gewirkten Wunder; doch Den, Der sie wirket,
nicht.
Aber unsers Geistes Auge muß ja billig weiter gehen,
Und in unleugbarer Weisheit, Schmuck und Kunst, Den
Künstler sehen,
Der unwidersprechlich da. Ist Er es vielleicht nicht wehrt,
Daß man Jhn zu kennen suche? Sind die herrlichen Ge-
schenke,
(da Er ja, für uns, nur wirkt, da Er uns erfreut und nährt,
Nutz als Lust zugleich verbindet) nicht, daß man an Jhn
gedenke,
Jhn bewundre, Sein sich freue, denn nicht würdig? Unge-
mein
Sollte billig jeder Mensch, durch des Frühlings Pracht
gerühret,
Und zugleich, in dieser Lust, auf Denjenigen geführet,
Der so unnachahmbar wirkt, voll vergnügter Andacht, seyn.
Handeln wir nicht fast unmenschlich, und, als wenn ein
Ungefehr,
Ohne GOtt, und sonder Ordnung, Ursach aller Wunder wär?
Mich soll wenigstens der Schmuck unsrer Welt, in diesen
Zeiten,
Da sich, was man sieht, verschönert und belebet, weiter
leiten;
Mein, durch unsers Frühlings Pracht, inniglich gerührter
Geist
Soll in dieser meiner Lust zu der Anmuht-Quelle steigen,
Welchen Seine schöne Werke, itzt fast mehr als sonst, mir
zeigen,
Der sich uns in jeder Bluhme, Blüht und Kraut fast sichtbar
weist.
Zu den künstlichen Gebäuden netter Nester scheint die
Schaar
Der Geflügel zugerichtet, und die kleinen regen Bienen
Müssen der Natur, als Werkzeug ihrer klugen Absicht,
dienen
Zu den Wachs- und Honig-Zellen, ja dieselbe braucht so gar,
Zu dem künstlichen Gewebe zarter Netze, kluge Spinnen.
Dieses spüren unsre Sinnen;
Aber, zu der Bluhmen, Blühte, Grases und des Laubes Zier
Trifft man überall kein Thier,
Gar kein Werkzeug, keinen Künstler, keinen sichtbarn Mei-
ster an.
Hier erweiset die Natur, daß sie selbst unmittelbar
Das vortrefflichste, das schönste, sonder Hülfe, bilden kann.
Aber kann man hierbey wohl, mit Befugniß, stille stehen?
Müssen wir mit unserm Denken nicht gebührend weiter
gehen,
Als bloß zu dem Wort Natur? Welches uns zu blenden
scheint,
Da man, durch Gewohnheit schwindlich, es recht wohl zu
fassen meynt;
Aber dennoch nichts begreift. Nur der Gottheit, bloß allein,
Muß der Ursprung aller Dinge einzig zugeeignet seyn.
Seine Ordnung ist Natur. Weñ wir also
Daß sie wunderbar gebildet, wunderbar gefärbt und schön,
Ja, fast schöner sind, als alles; sollten sie uns nicht ver-
binden,
Fast unmittelbar den Schöpfer hier zu suchen und zu finden?
Bloß Sein liebreichs Wort allein
Gab und giebet noch den Pflanzen Form, Geruch und Farb’
und Schein.
Sein erhaltend liebreich Wort schränkt den Saamen alle
Kraft,
Die uns ein Geheimniß bleibet, alle Pracht und Eigenschaft
Einmahl bey der Schöpfung ein,
Unterhält die Wunder-Ordnung, da wir, durch der Erden
Drehn,
Nach des Winters Widrigkeit, den von Wunder trächtgen
Lenzen,
Durch die Wunder-Kraft der Sonnen, als geschwängert,
prächtig glänzen,
Und im selben überall, alles sich beleben, sehn.
Mit bewunderndem Vergnügen bete denn doch jeder-
mann
Unsers nahen Schöpfers Weisheit, Lieb’ und Macht in
Bluhmen an.