Neue Frühlings-Gedanken.

By Barthold Heinrich Brockes

Wir nahen von neuem den Stralen der Sonnen;

Von Frost und Eise sind wir frey.

An Tagen hat unsere Fläche gewonnen,

Gott Lob! der Winter ist vorbey.

Wir sehen dem fröhlichen Frühling entgegen,

Es lacht die trächtige Natur.

Wir sehen die gährende Kräfte sich regen;

Es färbet sich der Felder Flur.

Jtzt werden die Augen beständig erfreuet;

Es treibet der gedrungne Klee,

Mit glänzenden lieblichen Bluhmen bestreuet,

Fast sichtbar itzt sich in die Höh.

Die Beeten der schimmernden Gärten bedecket

Ein bunt-gefärbtes Bluhmen-Heer.

Von Hecken, durchs wachsende Grüne verstecket,

Sieht man den dürren Strauch nicht mehr.

Es krönet die glänzende Blühte die Wipfel

Der fruchtbarn Bäume sonder Zahl.

Es kleiden unzählige Kräuter die Gipfel

Der Berge, die noch gestern kahl.

Aus berstenden Knospen entspriessende Blätter

Erfüllen überall die Luft;

Es schwebt um die Bäume bey heiterem Wetter

Ein allgemeiner grüner Duft.

Gefärbte befiederte Vögel durchstreichen

Dieß grün Gewebe, Paar bey Paar;

Wir sehen auf Linden, auf Buchen und Eichen

Die lange nicht gesehne Schaar.

Wir sehen sie hüpfen und springen. Wir hören

Den lange nicht gehörten Schall;

Von ihren hell-pfeifenden gurgelnden Chören

Ertönt der rege Wiederhall.

Vor andern bezaubert mit wirbelndem Klingen

Die angenehme Nachtigall;

Es füllt ihr durchdringendes schmetterndes Singen

Die Büsch und Wälder überall.

Jtzt wallen von neuem die sprudlenden Quellen,

Von Eis und Schlamm nicht mehr verdämmt,

In hurtigen, cirkelnden, wirbelnden Fällen,

Durch glatte Kiesel, ungehemmt.

Zum öftern beschäumet, voll glänzender Blasen,

Fließt ihr zwar klar- doch dunkles Naß

Auf schimmerndem Sande. Von grünenden Rasen

Bedeckt es oft das junge Gras.

Durch ihre durchsichtige rege Crystallen

Läßt sich der bunte Boden sehn.

Man höret ein rauschendes murmelndes Schallen,

Durch manche kleine Fäll’, entstehn.

Sie rinnen geschäftig, sie rieseln, sie eilen,

Bis daß sich endlich nach und nach,

Durch ebenern Boden, die Triebe zertheilen;

Denn stillt ihr Laut sich allgemach.

Dann werden die Flächen zu glänzenden Spiegeln,

Worinn wir Erd und Himmel sehn,

Und, zwischen bebüschten und blühmigten Hügeln,

Wird das, was schön ist, doppelt schön.

Bald zeigen, von schattigten Wäldern, die Wipfel

Sich deutlich auf der klaren Fluht,

Bald zeigt sie, von Bergen, erhabene Gipfel,

Bestrahlet von der Sonnen Gluht.

Hier bilden sich glänzende Wolken in ihnen,

Dort stellen sie der Luft Sapphir,

Da schimmernde Bluhmen im lieblichen Grünen,

Und ihrer Ufer Bilder für.

Der lieblichsten Landschaft gefärbte Figuren

Vereinen sich im Wiederschein.

Es kann, so von schattigten Wäldern als Fluren,

Das Urbild selbst kaum schöner seyn.

Jtzt spüren die Thiere die liebliche Liebe,

Es wallt ihr jüngst noch träges Blut.

Sie fühlen in ihnen belebende Triebe,

Entflammt von neuer Liebes-Gluht.

Es zollt uns das Thier-Reich lebendige Früchte:

Es wirft das Schwein, es kalbt die Kuh,

Manch strudlender Milch-Quell mehrt unsre Gerichte,

Die Stute fohlt, das Schaf kommt zu.

Hier tritt, von stets tzirpenden Küchlein begleitet,

Aus ihrem Nest, ein gluchzend Huhn;

Wann Entgen, von schnatternden Muttern geleitet,

Auf unsern Deichen schwimmend ruhn.

Es kommen aus berstenden Schaalen gedrungen

Die Gänse, Welsche Hühnlein auch.

Jtzt füttern die girrenden Tauben die Jungen,

In ihrem Nest, zu unserm Brauch.

Hier spreuzet sich, kollert, stolziret und zeiget

Der Welsche Hahn den matten Zorn.

Dort krähet der Haus-Hahn, zum Kämpfen geneiget,

Und lockt zu dem erkratzten Korn.

Wer Ohren hat, höre die fröhlichen Töne,

Durch ihren hellen Klang erquickt.

Wer Augen hat, sehe, wie lieblich, wie schöne

Der ganze Welt-Bau itzt sich schmückt.

Kommt, schmecket, wie freundlich die liebende Güte

Deß, Der anitzt die Welt verjüngt.

Verehret, mit innig gerührtem Gemühte,

Den, Der den Frühling wiederbringt.

Die herrlichen Werke bewähren den Meister.

Laßt denn, da sie so wunderschön,

Doch alle gerührte vernünftige Geister

Den Schöpfer itzt mit Lust erhöhn!

Zu seiner Vollkommenheit kann man nichts fügen,

Er brauchet unsrer Ehre nicht;

Nur unser Vergnügen ist Gottes Vergnügen,

Nur unsre Lust ist unsre Pflicht.

Der ewigen Güte belebende Triebe

Sind aller Creaturen Grund.

In ihnen nur macht die unendliche Liebe

Den Glanz von ihrem Feuer kund.

Er schuf der Geschöpfe nicht zahlbare Schaaren,

Um ihnen wohlzuthun, allein,

Um Seine vergnügende Gunst zu erfahren,

Ein Vorwurf Seiner Huld zu seyn.

Dieß fühlen sie alle. Doch hat Er das Denken,

In einem weit erhabnern Grad,

Den menschlichen Seelen gewürdigt zu schenken,

Die er dadurch verpflichtet hat.

Dieß Denken verbindet uns, uns zu vergnügen

An allen dem, was Gott gemacht;

Doch zu dem Vergnügen ein Denken zu fügen

Auf Den, Der es hervorgebracht,

Nur Jhn, als den Ewigen Urstand, zu ehren,

Der Wunder, die so wunderschön,

Bey froher Bewundrung die Triebe zu mehren,

In unsrer Lust, Jhn zu erhöhn.

So weit erstrecken sich unsere Pflichten

Anf dieser Welt, und weiter nicht.

Damit wir nun alles Pflicht-schuldig verrichten;

So schenk’ uns, HErr, der Weisheit Licht!

So oft wir in Deiner Bewundrung uns üben,

So werden wir zugleich geschickt,

Nach Deinen Gesetzen, den Nächsten zu lieben,

Einfolglich, hier und dort, beglückt.

Herr! laß uns im Frühling Dein Wohlthun beachten,

Gerührt, oft froh und dankbar seyn;

Oft Deine beträchtlichen Werke betrachten;

Oft, Dir zu Ehren, uns erfreun!