Noch andere Frühlings-Gedancken.

By Barthold Heinrich Brockes

Der laue Strahl der wiederkehr'nden Sonne

Füllt die verdünnte Lufft mit neuer Lebens-Gluth,

Flösst rege Fruchtbarkeit in aller Thiere Blut,

Und, in der Menschen Geist, lang’ ungespührte Wonne.

Viel tausend Knospen öffnen sich,

Bey diesem lauen Frühlings-Wetter.

Man sieht viel tausend junge Blätter

Aus ihrem Schooß fast sichtbarlich

Entstehen und gebohren werden.

Nicht minder brechen aus der Erden

Noch unlängst braun-, seit gestern, grüner Brust,

Zu noch sich mehrender Gemüths- und Augen-Luft,

Viel tausend bunte Frühlings-Kinder,

In dem beblühmten Klee. Nicht minder

Fängt auf begrünter Bäume Zweigen

Ein angenehmer Schatz sich an zu zeigen.

Wie Silber gläntzt die reine Blühte;

Jhr lieblicher Geruch labt Cörper und Gemüthe.

Und sie versprechen uns, daneben

Noch manch erfrischendes Gerichte,

In säurlich-süsser Frucht, zu geben.

Schau mit bedachtsamen und aufgewecktem Sinn,

O Mensch, ietzt allenthalben hin!

Schau tausend, tausend Lieblichkeiten!

Schau, in der Silber-klaren Fluth,

Auf einem gleichsam güldnen Sande,

Auf welchem sie, ohn’ alle Ruhe, ruht,

Von einem Bluhmen-Klee- und Binsen-reichem Rande

Bekräntzt und eingefasst, viel tausend blaue Fische

Den fliessenden Crystall durchdringen,

Und bald gemach, bald wie der Blitz

Sich durch den klar- und feuchten Sitz

Bald auf-bald abwerts schwingen.

Hier murmelt, rieselt, rauscht der glatte Bach,

Bald dunckel, in der Bäume Schatten,

Bald hell bestrahlt, durch unbewachsne Matten.

Er wird des Waldes, dort

Begrünter, und allhier des Himmels blauer Spiegel.

Die Aecker grünen ietzt, es blühen Thal und Hügel,

Den schönsten Gärten gleich. In den bethauten Gründen

Springt ietzt manch schneller Hirsch, zusamt den Hinden,

Mit leichtem Fuß und aufgerecktem Ohr,

Aus dem belaubten Wald’ hervor.

Da rennt in dem beblühmten Grase

Ein flüchtiger geschwinder Hase.

Seht, wie er plötzlich stutzt, sich setzet,

Ein Männchen macht,

Und, wenn er niemand sieht, ob aller Frühlings-Pracht

Mit tausend Sprüngen sich ergetzet.

Beschaue denn die schöne Welt:

Erwege doch mit frölichem Gemüthe,

Was sie für Wunder in sich hält,

Und lob’, in deiner Lust, des grossen Schöpfers Güte.