Noch ein Anhang zur Wiese. Nach Anleitung des Spectacle de la Nature.

By Barthold Heinrich Brockes

Allein der allergrößte Nutzen, den wir noch von den

Wiesen ziehn,

Ist, daß dieselben ohne Kosten, und, sonder daß wir uns

bemühn,

Die Thiere, derer wir im Leben fast nicht vermögen zu

entbehren,

Durch ihr von selbst sich zeugend Futter im vollen Ueber-

fluß ernähren.

Der Ochse, dessen Fleisch uns speiset, sowohl als jener,

der uns pflügen

Und unsern Acker bauen hilft, läßt sich an Gras und Kraut

genügen.

Das Pferd, das auf verschiedne Weise, so daß man sie

kaum zählt, uns dient,

Verlanget zur Belohnung nichts, als was auf unsern

Wiesen grünt.

Es wirft sich gleichsam in dieselben mit munterm Anstand

selbst hinein,

Nach seiner Arbeit, und verlangt sonst nicht von uns

verpflegt zu seyn.

Die Kuh, von welcher wir zum Leben so manchen Bey-

trag all' empfangen,

Wird anders nichts dafür von uns, als unsrer Wiesen

Frucht, verlangen.

Die Wollen-reiche Zucht der Schafe, die uns so speisen

als auch kleiden,

Sind für die Gaben wohl zufrieden mit dem Genuß von

unsern Weiden.

Wer ist, der dieses Wunder faßt, wie nemlich Gras die

Thiere nähre,

Wie sich sein bitt’rer strenger Saft in Fleisch und süsse

Milch verkehre,

Und wie es einem muntern Pferde so viele Stärk’ und

Kraft gewähre?

Versuch es jemand und zerquetsche das Gras, filtrire,

preß', zerdrücke,

Ja koch’ und distillir’ es gar, ob sichs nur einst zur Suppe

schicke,

Die eßbar ist, da in den Eitern der Küh’ es lieblich zuge-

schickt

Und wunderbar bereitet wird, daß es uns nähret und

erquickt.

Mit diesem Wunder geht es nun so, wie es mit den

meisten Werken

Des liebreich-weisen Schöpfers geht,

Daß wir darauf so wenig merken,

Weil es, ohn unsre Sorge, Müh und Fleiß, ganz von

sich selbst entsteht,

Recht unter unsern Füssen wächst, da doch daran so viel

gelegen,

Da es ein unvermißlichs Gut und ein so wunderbarer

Segen,

Daß, wenn uns etwan strenge Dürre das Gras von un-

sern Wiesen frißt,

Der Acker-Bau sogleich zerstört und alles in Verwir-

rung ist.

Da die nohtwend’gen Pferde fehlen, die Thiere, die uns

Nahrung gönnen,

Und so viel Gutes thun, sind weg, weil sie sich nicht mehr

nähren können.

Ein dürrer Wind versengt das Gras, worauf wir mit

den Füssen gehn,

Und gleich wird man die ganze Menschheit verwirrt und

unglückselig sehn.