Noch einige Rosen-Gedanken.

By Barthold Heinrich Brockes

Wie alles, was in der Natur an Bluhmen liebliches

zu sehn,

So schön, daß es nicht auszudrücken;

So ist vor andern noch, sehr schön,

Was wir an der gepriesnen Rose, der Bluhmen Königinn,

erblicken.

Je öfter wir die süsse Gluht im neuen Sommer wieder

schauen,

Je öfter kann sich unser Geist in neuer Lust daran erbauen,

Das Auge neue Schönheit finden. Ich danke Gott, daß

ich von neuen

Mich deiner wieder kann, geliebte Ros’, erfreuen,

Und was für Lieblichkeit und Anmuht in deinem Bau und

Wesen stecken,

Dem, Der dich so vortrefflich schuff, zum Lobe, Ruhm

und Preis, entdecken.

Mir brachten meine Kinder jüngst aus meinem Gar-

ten schöne Rosen,

Und zwar bey ganzen Händen voll, die auserlesen schön

und frisch,

Voll holder Gluht und süssem Balsam, so Blick als Nase

liebzukosen.

Ich legte sie, weil ihrer viele, zu anfangs vor mir auf den

Tisch,

Und ließ den recht erquickten Blick begierig auf den schö-

nen Haufen,

Die allerschönsten auszusuchen, bedachtsam hin und wie-

der laufen,

Bis ich zuletzt darauf verfiel, in eine Ordnung sie zu legen.

Ich legte sie in eine Ründe, die gliche nicht nur einem

Kranz;

Sie zeigte mir von ungefehr, was vor verschiednen Schmuck

und Glanz

Die Rosen in verschiedner Lag’, in unterschiedner Stellung

hegen,

So ich bishero nicht entdeckt. Von vorn, von hinten,

Seiten-werts

War Farb und Bildung unterschiedlich,

Und doch, in ihrem Unterscheid, gleich angenehm, gleich

schön und niedlich.

In einer Tiefe wie Rubinen sah’ ich das kleine güld’ne

Herz

Der vordersten beschattet schimmern, der Blätter Wirbel

drehte sich,

Und zog die Augen in sich ein; inzwischen, daß die von der

Seiten

Das Licht auf bläulich-weissen Blättern, theils durch,

theils auf sich liessen gleiten,

Und halb sich zeigten, halb verdeckten. Die angenehme

Farbe glich,

Indem sie bläu- und röhtlich blaß,

Dem lieblichen Rubin-Balaß.

Bey denen nun, die abwerts liegen,

Sah’ ich mit innigem Vergnügen

Die äuss’re Seite, da mir denn der gleichfalls nett- for-

mierte Stiel,

Mit seinem zierlich-grünen Knopf, der wie ein grüner

Türkis glänzet,

Von vielen nett-getheilten Zäsern in den fünf Brüder-

chen bekränzet,

Bey Blättern, die dem rohten Atlas an Glätte gleich,

sehr wohl gefiel.

Wobey des eingekerbten netten und holden Laubs sma-

ragdnes Grün,

Die süsse Herrlichkeit der Rosen um desto mehr noch zu

erheben,

Und ihrer angenehmen Röhte noch eine Fulge abzugeben,

Recht von den Fingern der Natur gebildet und gefärbet

schien.

Vor allen aber riß den Blick und meinen eingenommnen

Sinn

Von einer Centifolie die schöne Ründung auf sich hin.

Sie war an Blättern, an Figur und Farben recht aus-

nehmend reich;

Jhr schöner Leib war einer Kugel an Ründe recht voll-

kommen gleich.

Ein kleines Cirkel-rundes Loch schien in der schönen Bluh-

me Mitten

Jhr innres schönes Feur zu zeigen, mit Fleiß recht zierlich

eingeschnitten.

Sie lag im Mittelpunkt des Kranzes. Die Schönheit

hatt' ihr diese Ehr

Vor allen andern zugetheilt. Ich nahm sie auf, um ihre

Pracht,

Zum Preise Deß, Der sie gemacht,

Mit mehrerm Fleisse zu betrachten. Ich fand sie aus der

Maßen schwehr;

Sie ward durch ihrer Blätter Menge, die Cirkel-weis’

in ihr gefaßt,

Den Fingern, worinn ich den Stengel sanft drücket’, eine

süsse Last.

Wenn noch geschloßner Blätter Härte, mit sanftem Druck,

die Nase rührt,

Wird, wie von einer harten Brust

Die Hand im Fühlen grössre Lust

Verspührt, auch durch der Rosen Ründ’ und Härt’ auch

eine grössre Lust verspührt.

So wie die schwehre Ros’ an Blättern, so war sie auch

an Balsam, reich.

Sie stärkte recht, durch des Geruchs gepreßten Ausfluß,

Geist und Seele.

Es dünstet’ ein so süsser Schwall aus ihrer eng-verschränk-

ten Höhle,

Dem streng-gepreßten Wasser-Dunst aus der

gleich,

Wenn das darinn verschloßne Wasser, von äusserlicher

Gluht gepreßt,

In einem strengen Strahl von Dunst, sich aus der Oeff-

nung treiben läßt.

Durch so viel Schönheit, Lieblichkeit und holde Süßig-

keit gerühret,

(da sie mein Geist, durch Ueberlegung, sich eigen macht

und recht empfindet)

Fand ich in mir ein schnelles Feur, von Dank und An-

dacht angezündet,

Und mein dadurch vergnügt Gemühte ward aufwerts und

zu Dem geführet,

Aus Dessen unerschöpften Tiefen Lust, Anmuht und Voll-

kommenheit,

Licht, Leben, Schönheit und Vergnügen, Pracht, Zierlich-

keit und Herrlichkeit,

Für unsre Erde nicht allein, für Millionen Welten, quillet,

Der die Unendlichkeiten selbst mit Pracht und Majestät

erfüllet.

Ich dankte mit gebogner Demuht, Erkenntlichkeit und

heissem Triebe,

Von ehrerbietigster Bewundrung des Ausbruchs Seiner

Macht und Liebe,

Wodurch Er so viel Creaturen auf ungezählte Weis’ ergetzt,

Und Seine wahre Vater-Freude allein in ihrer Freude

setzt.

Ich flehete zugleich Jhn an, mir eine rege Kraft zu denken,

Und, Seine Wunder zu bewundern, noch immer größre

Lust zu schenken.