[Nun mag ich nicht mehr leben]

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Nun mag ich nicht mehr leben

Mit dir o Eitelkeit

Noch deinem Dienst ergeben

Die Blütte meiner Zeit.

Der Welt geschmückte Pracht

Hat über meine Sinnen

Hinfüro keine Macht.

Was ist vor Lust auff Erden

Die sich befinde frey

Von Wechsel und Beschwerden

Und sonder Galle sey?

Offt muß uns in der Hand

Zu Gifft und Wermutt werden

Der süsste Zucker-Cand.

Der Ehre Dunst muß schwinden

Ein Zufall raubt das Gutt

Der Freund ist falsch zu finden

Das Alter schwächt den Mutt

Der Liebe Glutt wird Eiß

Wenn Uberdruß und Eyffer

Sich einzuspielen weiß.

Auff helles Sonnen-scheinen

Folgt trübe Regens-Zeit

Wir schlüssen offt mit Weinen

Die beste Fröligkeit

Eh wir sie recht gekost

Entgeht uns aus den Händen

Die angenehmste Lust.

Vergnügen bringt dem Hertzen

Wenn man bey Freunden kan

Mit Lachen Reden Schertzen

Die Stunden legen an

Wenn wir vonsammen ziehn

Und sich Gesellschafft scheidet

Bleibt Trauren der Gewinn.

Was bringt uns nicht vor Schmertzen

Der eiteln Liebe Macht

Wenn man nach unserm Hertzen

Mit falschen Blicken tracht

Die Freyheit von uns jagt

Mit Sorgen und mit Hoffen

Die krancke Seele plagt.

Wohl dem der so kan leben

In dieser Eitelkeit

Daß er ihr nicht ergeben

Die Blütte seiner Zeit

Der mitten in der Welt

Die Freyheit seiner Sinnen

Zum Eigenthum behält.

Wer mit sich selbst zufrieden

Der Tugend strebet nach

Und von der Welt geschieden

Nicht fühlt ihr Ungemach

Ansiehet ihre Lust

Ihr aber nicht ergiebet

Die ungezwungne Brust.

Wer ohn den Zwang der Mauren

In stiller Ruhe lebt

Sein Hertze sonder Trauren

Von dieser Erd erhebt

Und an die Eitelkeit

Der Menschen ungebunden

Beschlüsset seine Zeit.

Er kan vergnügt genüssen

Was ihm das Glücke günnt

Sein Schiffgen ruhig wissen

Von Wetter Sturm und Wind.

Es gehe wie es will

Die Freyheit der Gedancken

Ist sein vergnügtes Ziel.

O edles Freyheits-Leben

Voll Freud und Süßigkeit

Dir will ich übergeben

Die Blütte meiner Zeit

Zwar weltlich in der Welt

Doch ohn die Welt zu leben

So lang es GOTT gefällt.