[Nun mag ich nicht mehr leben]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Nun mag ich nicht mehr leben
Mit dir o Eitelkeit
Noch deinem Dienst ergeben
Die Blütte meiner Zeit.
Der Welt geschmückte Pracht
Hat über meine Sinnen
Hinfüro keine Macht.
Was ist vor Lust auff Erden
Die sich befinde frey
Von Wechsel und Beschwerden
Und sonder Galle sey?
Offt muß uns in der Hand
Zu Gifft und Wermutt werden
Der süsste Zucker-Cand.
Der Ehre Dunst muß schwinden
Ein Zufall raubt das Gutt
Der Freund ist falsch zu finden
Das Alter schwächt den Mutt
Der Liebe Glutt wird Eiß
Wenn Uberdruß und Eyffer
Sich einzuspielen weiß.
Auff helles Sonnen-scheinen
Folgt trübe Regens-Zeit
Wir schlüssen offt mit Weinen
Die beste Fröligkeit
Eh wir sie recht gekost
Entgeht uns aus den Händen
Die angenehmste Lust.
Vergnügen bringt dem Hertzen
Wenn man bey Freunden kan
Mit Lachen Reden Schertzen
Die Stunden legen an
Wenn wir vonsammen ziehn
Und sich Gesellschafft scheidet
Bleibt Trauren der Gewinn.
Was bringt uns nicht vor Schmertzen
Der eiteln Liebe Macht
Wenn man nach unserm Hertzen
Mit falschen Blicken tracht
Die Freyheit von uns jagt
Mit Sorgen und mit Hoffen
Die krancke Seele plagt.
Wohl dem der so kan leben
In dieser Eitelkeit
Daß er ihr nicht ergeben
Die Blütte seiner Zeit
Der mitten in der Welt
Die Freyheit seiner Sinnen
Zum Eigenthum behält.
Wer mit sich selbst zufrieden
Der Tugend strebet nach
Und von der Welt geschieden
Nicht fühlt ihr Ungemach
Ansiehet ihre Lust
Ihr aber nicht ergiebet
Die ungezwungne Brust.
Wer ohn den Zwang der Mauren
In stiller Ruhe lebt
Sein Hertze sonder Trauren
Von dieser Erd erhebt
Und an die Eitelkeit
Der Menschen ungebunden
Beschlüsset seine Zeit.
Er kan vergnügt genüssen
Was ihm das Glücke günnt
Sein Schiffgen ruhig wissen
Von Wetter Sturm und Wind.
Es gehe wie es will
Die Freyheit der Gedancken
Ist sein vergnügtes Ziel.
O edles Freyheits-Leben
Voll Freud und Süßigkeit
Dir will ich übergeben
Die Blütte meiner Zeit
Zwar weltlich in der Welt
Doch ohn die Welt zu leben
So lang es GOTT gefällt.