Nur ein Mensch

By Hermann Conradi

Written 1876-01-01 - 1876-01-01

Ich stand auf sturmbestrichnem, granitnem Bergeshaupt,

Umbrüllt vom Eisorkane, von stechendem Schnee umstaubt –

Tief unter mir, umschlungen vom Nebelgewande der Nacht,

Lag Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht ...

Lag all das wirre Suchen: die Pilgerfahrt zum Licht –

Lag all das ewige Irren: ein wüstes Höllengedicht!

Lag gleißender Glanz und Entsagung – Gethsemane und Rom:

Dort wurmt sich ein armer Schwärmer – hier schwillt der Lüste Strom!

Lag all die blöde Verblendung, die vor den Götzen kniet –

Lag all die feige Knechtschaft, die sich im Staube müht,

Faulende Früchte zu sammeln, lohender Brünste voll –

Lag all die jähe Verzweiflung – der heilige Rächergroll! ...

Die Sklavenkette klirrte – ihr schneidender Ton verklang;

Die Schellenkappe tönte – ihr lockend Geläut versank –

Von bleichen Märtyrerlippen verwehte der letzte Schwur –

Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Kreatur ...

Die einst mit flammenden Schwertern über den Erdball gebraust,

Die Babel-Dome gefestet mit blut'ger Despotenfaust –

Die ihre Cäsarenspuren mit ehernem Meißel gehauen,

Hier an den Felsenbrüsten zerfällt das irdische Grauen,

Das sie heraufbeschworen im bangenden Menschenhirn –

Ihre Kronenzepter zersplittern an der steinernen Bergesstirn –

Und ihrer Allmacht Male zerbröckeln wie mürbe Spreu:

Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei ...

Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Kreatur –

Hier lebt und atmet nur eines: die unbefleckte Natur ...

Und mich durchdrang die Wollust, an dieser Felsenbrust

Mein Sünderhaupt zu zerschmettern – all meine Erdenlust –

All meine Erdenduldung, von dieser Größe zerdrückt –

All meine Gramverschuldung, wiedergeburtsbeglückt –

Wiedergeboren und enden: zum erstenmal ein Held!

Ausatmen in diese Wildnis meine kleine, dürftige Welt!

Da kroch es heran, das Entsetzen, belastete mich wie Erz –

Und hämmern spürt' ich mein armes, todbangendes Menschenherz:

Gemach kehrt' ich zu Tal mich, nach Menschenspur hinab –

Bei Alltagsmühen zu suchen nach meinem Alltagsgrab.