Nützliche Betrachtung der Schönheit der Welt, nicht nur für Reiche und Gesunde, ...
Geliebte Menschen, laßt uns einst in unserm Leben
stille stehn,
Und unsern eigentlichen Stand, beym Licht der Wahrheit,
übersehn,
Erwegen, was wir Guts besitzen, und was für uns der
Kreis der Welt
Für ungezählte Güter, Wunder und unschätzbare Schätz’
enthält,
Die alle bloß für uns bestimmt! Wir werden, wenn wir
auf der Erden
(aus unserm dunklen Nichts gezogen) erscheinen und
gebohren werden,
In einem Pallast ja gebohren, der, so an Größ’ als Zier-
lichkeit,
Bey weitem alle übertrift, die alle Kunst je aufgeführet.
Die Kunst ist nie so weit gekommen, sie kann auch an die
Seltenheit
Der bildenden Natur nicht reichen, der allezeit der Preis
gebühret.
Das unermäßliche Gewölbe, der Boden- lose Stern-Altan,
Zeigt diese Grösse, sonder gleichen, am allerdeutlichsten
uns an.
Es lehrt uns dieß des Himmels Blau, worinn sich das
Gesicht verlieret,
Wenn uns, selbst seine Dunkelheit, mit einer Art von Ehr-
furcht, rühret.
Die Sonne, die, durch ihre Ferne, wie groß sie gleich,
uns dennoch klein,
Durch den Betrug der Augen, scheint, hört nimmer auf,
den Lebens-Schein
An allen Orten zu verbreiten. Die Nacht läßt, mitten
in dem Dunkeln,
Die Stern’, und zwar fast alle Wochen den Augen andre
Sterne funkeln.
Der Tages-Wechsel macht, daß wir zur Ruhe von der
Arbeit gehn,
Des Jahres Wechsel, daß von Arbeit verschiedne Arten
stets geschehn.
Berufet dieses uns nun gleich zu neuen Sorgen; so ent-
stehn
Daraus auch neue Lieblichkeiten, Belohnungen und neuer
Segen,
Worunter denn die Erde selbst, die so geschmückt, so reich,
so schön,
Fast ungezählte Seltenheiten gewohnet ist uns darzu-
legen.
Dieselbe giebt uns ihre Bluhmen, auch ihre Früchte,
Wiesen, Felder,
Erhabne Hügel, sanfte Flächen, Gebürge, Thäler, Büsch’
und Wälder.
Da sind die Wasser überall, die sich, wie eine Schlange,
winden,
Die Erde schön sowohl, als fruchtbar zu machen, überall
zu finden.
Die Jahres-Zeiten geben uns den Regen, unsre Aecker
reich,
Den Wind, die Lüfte rein zu machen. Man sieht sie uns
die Vögel bringen,
Die von so sehr verschiedner Art, und welche so verschied-
lich singen.
Sie liefern uns so viele Thiere, die zahmen, welche sich
bequehmen,
Zu unserm Nutzen, uns zur Lust, bey uns den Aufenthalt
zu nehmen,
Und die sich gleichsam selbst gefallen, wenn sie verrichten,
was wir wollen,
Ja gar für die geringe Kost, zur Dankbarkeit, sich selbst
uns zollen.
Da sind die Thiere, die die Wälder für uns in solcher
Menge nähren,
Da sind die Fische, die die Seen, und die Gewässer uns
beschehren.
Hier sind die Flüsse, dort das Meer, in welches sie sich all’
ergiessen,
Auf welchem wir, durch Schiff’ und Winde, von einem
Ort zum andern fliessen,
Um neue Völker, neue Pflanzen, auch neue Thiere, neue
Früchte,
Nicht minder neue Heilungs-Mittel, manch neuen Vor-
wurf dem Gesichte,
Auch für der Menschen andre Sinnen, viel’ neue Schätze
zu erhalten,
Und sie, auf ungezählte Arten, zu unserm Nutzen zu ver-
walten.
Wenn ich, mit einem Ueberlegen, bey dieser Menge stille
steh,
Und, wie sie uns des Schöpfers Hand, in solcher Fülle,
giebet, seh,
Derselben Vielheit immer grösser, die Schönheit immer
schöner finde;
So kommt es mir nicht anders vor, als wenn auf einem
jeden stünde:
“o Mensch, für dich gehöret alles! Komm, schlacht’,
und iß, und sey vergnügt!
Wozu sich denn noch diese Lehre, die gleichfalls überzeug-
lich, fügt:
„der Schöpfer, welcher nichts bedarf, hat aller Güte
Nutz und Pracht
„zu Seinem eignen Nutzen nicht, zu deinem bloß,
hervorgebracht.
So machet euch doch selber glücklich, bringt eure Zeiten
im Vergnügen,
Und eure Tag’ in Anmuht zu, sucht allen Unmuht zu be-
siegen!
Kommt, folgt der Stimme der Natur und ihrem wohlge-
meynten Raht,
Da GOtt ja Seinen Tisch für euch so herrlich zubereitet
hat,
Indem die aufgesetzten Schätze selbst scheinen dazu einzu-
laden!
Beweiset eure Dankbarkeit durch die Begierden, Seiner
Gnaden
Bezeugungen recht zu geniessen. In unsern Herzen selber
liegt
Ein Grund, der diese Stimme hört, und, gleichsam selbst
dadurch vergnügt,
Darauf ein’ Art von Echo giebt. Ein Trieb, der nimmer
zu besiegen,
Und ein’ in uns verborgne Neigung reizt unaufhörlich
zum Vergnügen,
Und treibt uns, uns beglückt zu machen. Uns lockt, was
wir von aussen sehn,
Und auch was in uns ist, dazu. Woher muß es denn
doch entstehn,
Daß wir, in so beglücktem Stande, dennoch so unglückselig
leben?
Woher? weil wir auf alles Gute, was in der Welt, nicht
Achtung geben,
Stets mehr noch zu verdienen glauben, nur das verlangen,
was uns fehlt,
Und wenn wir es erlanget haben, von immer neuer Sucht
gequält,
Den Blick von dem erlangten ab, und immer zum entfern-
ten kehren,
Stets mit phantastischen Gerichten, mit wirklichen uns
nimmer nähren.
So lange man, auf diese Weise, mit dem beseßnen Gut
verfährt,
Und wär uns noch einmahl so viel, ja tausend mahl
so viel, beschehrt;
So würd’ uns Unlust, Kummer, Gram und Unzufriedenheit
beschwehren,
Wenn wir in der Eliser Auen, ja selbst im Paradiese wären.
Wie jüngst der arme
Der voller Pein zu Bette lage, da jener vor dem Bette saß,
Dieß sonst ermunternde Gedicht, mit Thränen in den Augen,
las;
Erseufzeten sie alle beyde. Ach! fing zuerst der sieche Mann,
Nachdem er sich herumgeworfen, mit unterbrochnem
Schluchzen an:
“was hilft mir Armen dieser Trost? Was nützen mir der
Erden Schätze?
„da ich, ohn’ ihrer zu geniessen, mein Lager stets mit
Thränen netze,
„da mich der Nieren-Stein zerfoltert, die Gicht die Sehnen
dehnt und nagt,
„und mich nicht nur den ganzen Tag, die noch viel längere
Nacht, zerplagt.
„mich labt kein Trank, mir schmeckt kein Essen, und kurz: Auf
dieser ganzen Welt
„vergnüget mich von allen nichts. Nichts ist darinn, was
mir gefällt.
Kaum schwieg er, als auch
Wangen wischte,
Und mit des Kranken bittren Klagen auch sein betrübtes
Klaglied mischte:
“er schreibt: Die Welt ist voller Schätze. Ja Schätze, daß
es GOtt erbarm!
„sind nicht, bey dem gerühmten Reichthum so viel’, und
ich besonders, arm?
„er schreibt: Für uns soll alles seyn. Ja wohl für uns.
Hat einer Mittel,
„so decken so viel tausend andre sich kaum mit einem alten
Kittel.
„bey dem gerühmten Ueberfluß hab ich kaum mein erschwitz-
tes Brodt,
„und meine Kinder schmachten oft, gequält von bittrer
Hungers-Noht.
„wenn der, so dieß Gedicht geschrieben, in unsrer Stelle wär
gewesen,
„er gäb uns von der Lust der Welt so viel vergnüglichs nicht
zu lesen.
Mirander hörte beydes an, der eben in die Stube tratt,
Und wie er das von allen beyden ihm eben dargereichte
Blatt
Mit Fleiß bedächtlich durchgelesen; so fragt er erstlich
alle beyde,
Nach dem vorher bezeugten Schmerz und Beyleid über
ihrem Leide,
Mit der ihm eignen sanften Art: Ob das, was in den
Versen stünde,
Sich in der That nicht so verhielt’, und sich nicht in der
Welt befünde?
Dieß stunden sie ihm beydes zu. Da ihr nun dieß nicht
leugnen könnt,
Fuhr hier
nur vergönnt,
Der hier die Welt so schön beschrieben, so schön dieselbe
zu beschreiben,
Es war dasselbe seine Pflicht. Und werdet ihr so billig
seyn,
Die Wahrheit ihm nicht zu verübeln. Doch um nun auch
bey euch zu bleiben,
Die ihr, die Erde schön zu finden, durch Armuht und durch
bittre Pein,
Betrübt genug, behindert seyd; so laßt uns erst die Dürf-
tigkeit,
Und ob sie, nach der Welt und Menschen geordneten Be-
schaffenheit,
Nicht hier auf Erden nöhtig sey, mit einigem Bedacht
ergründen,
Es mögte sich vielleicht für dich ein Trost in deiner Armuht
finden.
scheid wohl nöhtig sey,
„das weiß ich ja sowohl, als du. Von dem Beweisthum
bist du frey.
Allein dieß Wissen sättigt nicht. (
es auch nicht hungriger,
Und da, bey deiner Dürftigkeit und deinem Leiden, GOtt
der HErr
Dir dennoch den Verstand gelassen, der ja von allen an-
dern Gaben,
Die wir von unsers Schöpfers Güte auf dieser Welt er-
halten haben,
Unstreitig ja die allerbeste; so wend’ ihn denn auch dazu
an,
Daß er dir auch zum Besten diene, so wie er es wahr-
haftig kann.