Nützliche Betrachtung einer prächtigen Nichtigkeit.
Ich sahe jüngst, nicht sonder Freude,
Ein zier- und künstliches Gebäude,
Erhaben in der Lufft an einem Orte stehn,
Wo ich vor kurtzer Zeit noch nichts gesehn.
Die Regel-recht verfertigte Figur
War gantz vollkommen rund:
Die Balcken, Wänd’ und alles war nicht nur
Poliret, glatt, voll Glantz und herrlich bunt;
Sie waren, wenn zumahl die Sonne sie bestrahlet,
Mit solchen Farben übermahlet,
Die mehr als cörperlich. Der Jris buntes Kleid
Verlohr bey dieser Pracht den Preiß. An diesen Schein
Kann nicht nur kein Opal, mit seiner Lieblichkeit
Der spielenden gemischten Farben, reichen;
Es muß so gar ein Demant-Stein
Der Farben feurigem und bunten Wechsel weichen.
Ich sage nicht zu viel,
Und kann ich diese Pracht und dieses Farben-Spiel
Geliebter Leser, dir gar deutlich zeigen.
Was aber meinest du, wer der Bewohner wol
Von diesem Pallast sey; wem dieses Lufft-Schloß eigen,
Und wer es wol erbaut? Ein Mörder, ein Tyrann,
Ein Räuber, welcher nichts als alles würgen kann,
Was ihm zu nahe kommt; der unversöhnlich ist,
Und der, Lycaon gleich, die Gäste würgt und frisst.
Kurtz: Wilt du ihn und seinen Pallast kennen,
So darfst du nur den Blick der regen Spinne gönnen,
Und ihr Gewebe sehn. Sprich nicht: ich täusche dich,
Und mach’ aus Mücken Elephanten,
Aus Spinneweben Diamanten.
Nein, höre mich erst aus: dann tadle mich.
Es zeigt uns die Natur von allen Wundern schier
Nichts, das so Wunder-reich,
Als dieß verworffne Thier.
Ist dieser Künstlerin wol ie ein Künstler gleich?
Der Fäden, die so dünn und zart,
Und doch so zäh’ und starck, auf so geschickte Art,
Ohn’ Hand und Finger, spinnen kann?
Wer gab sich ie zu ihrem Meister an?
Wer zeiget ihr der Symmetrie Gesetze,
Nach welchen sie ihr nütz- und zierlich Netze
Zu ihrer Wohn- und Nahrung webt?
Wie wunderbar ist, daß ein solcher Faden
So starck, daß er sich lässt mit ihrer Last beladen!
Wie wunderbar, daß er an alles klebt,
Was er nur einst berührt, und zwar so fest,
Daß er sich gleich zur Brücke brauchen lässt,
Worüber alsobald von einer Seit’ zur andern
Die Spinnerin vermag zu wandern!
Wer lehrte sie, wann sie die Wand
An des Gewebes langen Stützen,
Die bloß durch ihre Kunst in solcher Ordnung sitzen,
In einer netten Ründung spannt;
Daß, ehe sie den Faden feste macht,
Sie ihn, mit grossem Vorbedacht,
Mit einem Fuß vorher verlängt,
Damit, wann Wind und Luft die Wohnung drängt’,
Und etwan gar zu hefftig zöge,
Dieselbe nicht zerreissen möge.
Wer wies’ ihr, daß, wenn wo von ungefehr
Ein Blättchen, oder sonst was, in ihr Netze fällt,
Sie ieden Faden, der es hält,
Nicht nur zerbeisst, nein, mit dem Fuß,
Daß es hinauswärts fallen muß,
Und es das Netz im Fallen nicht versehre,
Hinauswärts stößt: wie ich, daß solches offt geschehn,
Offt mit verwunderndem Erstaunen angesehn,
Und wie es iederman,
Durch Einwurff eines Blats, gar leicht probiren kann.
Von ihrer Schlauigkeit, die Fliegen und die Mücken,
Zu ihrer Nahrung zu berücken;
Auch wie sie die Natur schon in der Jugend lehrt,
Daß, weil die kleine Brut in solcher Menge,
Wie sie hervor kommt, sich an einem Ort nicht nehrt,
Sie Fäden von gnugsamer Länge,
Daß es sie tragen kann,
Bey stillem Wetter von sich lassen;
Die iede dann,
Wohin ein Ungefehr sie bringet,
Sich durch die Lufft zur neuen Heymat schwinget:
Woselbst sie denn so gleich sich häußlich niederlässt;
Auch wie im Fall sie gleich an ihrem Faden fest;
Und daß recht eigentlich die Spinnen bloß allein
Der Lufft Bewohnerinnen seyn;
Von allem diesen will ich nichts gedencken,
Und mich noch einst, indem sie gar zu schön,
Ob wir es gleich nicht immer deutlich sehn,
Zur Schönheit ihrer Wohnung lencken.
Wenn man ihr glatt Geweb in hellen Sonnen-Strahlen
Recht mit Aufmercksamkeit erwegt,
Und, wie mit buntem Schein sich alle Fäden mahlen,
Der sonderlich, wenn sich die Lufft ein wenig regt,
Mit kleinen Blitzen spielt, und bald in gelben, grünen,
Bald einem rothen Feur, gleich funckelnden Rubinen,
Gläntzt, schimmert, wallt und glimmt, bewundernd überlegt;
Fällt die Betrachtung uns wol nicht mit Unrecht ein:
Wie angenehm muß nicht in dem so bunten Schein,
Den Spinnen ihre Wohnung seyn!
Wo ist ein Fürstlicher Pallast,
Der solchen Demant-Schein in seinen Wänden fasst?
Zumahl wenn man bedenckt, daß in der That,
Stat zweyer, eine Spinn’ acht Augen hat,
Womit sie ja, an ihren bunten Schätzen,
Noch drey mahl mehr als wir sich kann ergetzen.
Ja selber in des Mondes Licht
Fehlt ihr dergleichen Glantz und Schimmer nicht,
Und ist ihr Haus sodann nicht minder schön,
Wie ich sie einst des Nachts, durchs Fenster wircken sehn.
So hell schien ihr Gespinnst, so schimmernd und so rein,
Als wär ein ieder Draht ein Theil vom Monden-Schein.
Sie weiß in ihrem Schloß von keinem Schatten nicht:
Jhr gantz Gebäude steht des Nachts im Silber-Licht;
Des Tages kann kein schütternder Brillant,
An einer stoltzen Hand,
Mit mehr Veränderung von Feur und Farben schimmern,
Als wir, in ihren hellen Zimmern,
Ein buntes Feur beständig, Wunder-schön
Sich ändern, blitzen, glühn, vergehn,
Und wiederüm entstehen sehn.
Mir fiel, bey des Gespinnstes Schein,
Indem ich seine Pracht erwegte,
Und auch zugleich dabey sein Wesen überlegte,
Nachfolgende Betrachtung ein:
Von Eitelkeit und Stoltz kann auf der Erden
Kein besser Sinn-Bild ie gefunden werden,
Als wie der bunte Glantz, der Spinneweben schmückt.
Die Nichtigkeit, die Daur, und Unbeständigkeit,
Wird durch dieß Vorbild recht uatürlich ausgedrückt.
Mit Diamanten brüstet sich
Ein stoltzer Narr mit Unrecht nur;
Da ja die spielende Natur
Denselben Schein und Glantz, den eigentlich
Ein köstlicher geschätzter Demant heget,
Auch Spinneweben eingepräget,
Zum Zeichen, daß sie beide Tand.
So wie die Fliegen nun der bunte Draht verstrickt,
So wird, durch bunten Glantz von Gold und Diamant,
Die Menschheit, leider! auch berückt,
Und in das Unglücks-Garn getrieben.
Kaum hatt’ ich dieß Gedicht geschrieben,
Da fing ich an, von einem Ort zum andern
In der Allee bald auf-bald ab zu wandern.
Der Seiger gieng auf vier; die Sonne senckte sich.
Wie ich nun Westen-wärts an einen Gang gelangte,
Der auch durch Bäume gieng; entsetzt’ ich mich
Für eine bunte Gluht, die in derselben prangte.
Viel tausend zarte Regen-Bogen
Sah’ ich von Baum zu Baum, fast ohne Zahl, gezogen.
Sie schienen aus Chrystall gedreht, aus Gold gesponnen;
Beweglich waren sie; sie wallten auf und ab:
Das denn im hellen Strahl der Sonnen
Ein Wunder-schones Schau-Spiel gab.
Ein Schau-Platz aus geschliffenen Crystallen
Kann schöner nicht in unser Auge fallen.
Ein dick Gebüsch, das gantz zu Ende stund,
War ein beschatteter und dunckler Grund,
Worauf die bunte Pracht noch tausend mahl so schön,
So hell, so Feuer-reich, so voller Glantz zu sehn.
Es stellt so bunten Schein, so schön gefärbte Zier,
Und wie so wunderbar, so herrlich sie geschmücket,
Unmöglich sich ein menschlich Auge für,
Das diese Pracht nicht selbst erblicket.
Bis es zuletzt mich auf den Schöpfer zog,
Und so zu dencken mich bewog:
Wie reich an Herrlichkeit, an Schein,
An Glantz, an Schönheit, Pracht und Licht,
Muß der gewaltge Schöpfer nicht
In Seinen Allmachts-Tieffen seyn!
(man schau’ es nicht ohn Andacht an!)
Da er, was Nichts, so hoch erheben,
Und auch so gar die Spinneweben
So Wunder-würdig schmücken kann.
Allein, da ich mit aufmercksamen Blicken
Der spinnen bunt Gespinnst noch eins betracht’;
Nehm ich Bewundrungs-voll in Acht,
Daß alle Schönheit anders nichts,
Als
Von welchem uns nur bloß der Spinnen Werck die Pracht
Die sonst nicht sichtbar, sichtbar macht:
Auch Spinnenwebe scheint gesponnen
Zum Lobe Des, der sie bereit:
Es zeigt uns ihr Gespinnst der Sonnen,
Wie die, des Schöpfers, Herrlichkeit.