Ode an die Dioskuren

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Dein in Nacht eindunkelndes Land, o Rom, und

Alles ruht schon, aber am Himmel zuckt es

Wetterschwül herauf und erhellt die beiden

Erznen Kolosse.

Euch begrüß' ich, mächtige Meerbeherrscher!

Euch begrüßt mein Lied, Polydeukes, dich und

Kastor! Mutvoll euch zum Olymp auf schwingt ihr,

Söhne der Leda!

Während Blitz auf Blitz mit dem Dunkel streitet,

Eilt ihr her auf schimmernden Rossen, flatternd

Nachtgewölk hindurch und dem Schiffer hilfreich

Mitten im Seesturm!

Tief ins Vorzeitgrau zu den Göttern führt ihr

Meinen Blick zurück zum Heroenalter

Und zurück zu Helena's unvergänglich

Lockendem Liebreiz.

Welch ein herrlich Menschengeschlecht umblüht' euch!

Jagdenfroh, kühn, wild, in der vollen Schönheit

Erster Jugendkraft, in beständ'gem Kampf mit

Himmel und Erde.

Doch als lang hernach in der Zeiten Umlauf

Hellas' Volk aufblüht in erhabner Freiheit,

Horch, da schallt Siegsruf, am Olymp, am Isthmus

Donnern die Wagen!

Auf zum Wettkampf eilt, was Athen, was Argos

Oder Sparta's Fluren bewohnt, es drängt sich

Schar an Schar kampftüchtiger Männer, hoher

Göttergestalten.

In des Tempels schattigem Hain, wo hochher

Über Lorbeer Pinien schau'n, da schimmern

Weihgeschenke rings und in Purpur goldreich

Strahlende Gürtel.

Auf! ans Ziel jetzt! Zügelt die Hengste, Knaben! –

So zwingt Mut, rein menschlicher Mut die Wildheit,

So hält Freiheit ruhig die Zügel aufrecht,

Ruhig und siegreich!

Welch ein Tag, ihr Himmlischen! Wie das Volk jauchzt,

Um den Sieger jauchzt, den der Fichtenzweig krönt!

Von des Sängers Lippen erblüht ihm ewig-

Dauernder Nachruhm.

Doch nur ihr seid Allen das schönste Vorbild

Edlen Sinns und mutiger Jugend! Liebend

Teilt ihr euch in alle Gefahr und alle

Freude des Sieges!

Auch am Himmel bleibt ihr vereinigt; liebend

Steigt ihr selbst zum Orkus hinab und teilet

Dort Unsterblichkeit und zugleich die dunkeln

Lose des Todes.

Längst in Erzguß ragend am Meer sah staunend

Euch die Nachwelt; aber es kamen einstmals

Feindlich her, hochsegelnd im Kriegschiff, siegsstolz

Trotzige Römer.

Und zu Schiff mit, Walzen und Tau' nachschleppend,

Trug das kriegslustschnaubende Volk posaunend

Im Triumph euch Herrliche zu des Cäsars

Hohem Palasttor.

Hier nun knie'n auch wir, von dem fernsten Grenzland

Dieses Weltreichs über Gebirg und Meerflut

Angelangt, wir Fremdlinge; euch den Rettern

Nahn wir mit Dankgruß.

Schirmt auch uns, auch ferner noch! Lenket huldreich

Unsre Heimfahrt, gebt uns Geleit und Segen

Auf dem Weg nach Haus, nach der süßen Heimat,

Söhne des Aethers!