Orpheus Hymne an die Natur .
O Natur, allwirkende Göttin', allsäugende
Mutter,
Erste, Älteste, Letzte, Ehrwürdigste, Oberste
Aller,
Herrscherin, Königin, Weltbezwingerin, Nimmer-
bezwungne,
Nimmerbezwingbare, Nimmerzerstörbare, Preisliche,
Hohe,
Heilige, Heimliche, Nächtliche, Freudige, Strah-
lende, Hehre,
Die du wandelst leisen Schrittes verborgene Pfade,
Die du zeichnest den leisesten Schritt mit Thaten
und Wundern,
Keusche Götterdienerin, nimmerendendes Ende,
Die du jeglichem Freude gewährst, und begehrst
sie von keinem,
Vater- und Mutterlose, doch Aller Vater und Mutter,
Starke, Gewaltige, Kühne, Erhabenste, Höchste
der Kräfte,
Duftige, Liebliche, Labende, Freundliche, Künst-
liche, Weise,
Zeugerin, Hegerin, Pfleg'rin, Erzieherin, Wär-
terin, Amme,
Heldin, Huldin, Dichterin, Rednerin, Meisterin,
Fürstin,
Die du waltest im Himmel, und schaffst auf der
Erd' und im Meere,
Bitter dem Bösen, und süss dem Guten, und gnä-
dig dem Frommen,
Die du Alle belehrst, und Alle bedenkst und er-
nährest,
Die du alles besamest, und alles gestaltest und
bildest,
Alles entwickelst und alles vollendest, und alles
zerstörest,
Alle Keime reifest, und die gereiften verstreuest,
Mutterbusen schwellst, und kreissende Schöss' ent-
bindest,
Ewig rastlos kreisest in ewig wirbelnden Strudeln,
Allgefällig dich fugst in tausendfache Gebilde,
Hoch auf Thronen sitzest, und Recht und Gerech-
tigkeit aussprichst,
Über Gebieter gebeutst, und über die Mächtigen
Macht übst,
Alles bändigst und Keinem bebst — Allwaltendes
Schicksal,
Nieversiegendes Leben, und nimmerschlummernde
Vorsicht —
Alles ist dein, dieweil du alles gebarst und er-
zogest!
O, so fleh' ich dich, Göttin, du wollest mir selige
Stunden,
Frieden gewähren und Ruh, und guten gedeihlichen
Wachsthum.