Physicalische und Moralische Betrachtung der Zunge.

By Johann Justus Ebeling

Das schlanke Wunderglied in dem ge- höhlten Mund,

Die Zunge macht uns auch des

Wer solte wenn man es, nicht wüste,

Daß sich ein Stücklein Fleisch könn so geschwinde

Und auf so manche Art in schneller Wendung drehn,

Bald auf bald niederwerts, und bald zur Seite

Wie doch dies Glied beweißt, daß sich schnell dehnt

Bald spizzig macht, bald leckt, da es in Speichel

Die Zunge die besteht, aus lauter Fäserlein,

Die durch der Muskeln Band gleichsam geflochten

Und die Bewegung kommt von denen vielen Mäusen,

Die Paar bey Paar verknüpft, die sie in ihren

So wunderbahrlich ziehn. Dadurch wird sie ge-

Und als ein platter Schwamm, bald hie, bald da

Wie die Erfahrung lehrt. Die Zung ist auch be-

Mit Warzen welche spiz, und Nerven, draus entste-

So gleich denn der Geschmak; die Seele fühlt ge-

Ob Speisen die zerkäut, süß oder sauer sind.

Wie wunderbahr ist es, daß unsre Zunge spüret,

So bald die durch den Zahn zermalmte Speiß sie

Was süß und sauer ist, was bitter, übel schmekt;

Wird dadurch uns nicht klar des Schöpfers Kunst

Die Almacht, Weisheit, Güt, die ein so schwam-

Zu mannigfaltgen Nuz, so herrlich hat erlesen?

Die Zunge ist ein Glied, das auch zur Sprache

Und in dem hohlen Mund am rechten Orte sizt;

Wenn aus den innren Gaum die Lufft zum Thone

Und aus der Kehlen Röhr, ein heller Klang entsprin-

So macht dies rege Glied, das sich beweglich

Nebst Lippen, Gaum und Zahn, daß man den Laut

Die Zunge ändert so, das unbestimmte Lallen,

Daß Sylben, Wörter, draus, die uns verständlich

Der Mund eröfnet sich, O! Wunder der Na-

Die Zunge zeiget sich in mancherlei Figur,

Sie schlängelt sich daraus, wird denn die Sprach

Die uns des andern Sinn gleich zu Gemüthe füh-

Wer dieses überlegt, der siehet klärlich ein,

Es müß das kleine Glied, die Zung ein Wunder

Ein göttliches Geschenk dadurch wir viele Ga-

Zugleich von

Gesezt, es fehlte uns die Zung so wären wir,

So stumm als wie ein Fisch, so elend als ein Thier.

Was wäre unser Lalln? ein unvernehmlich Klin-

Was wär der Kehlen Thon? ein unverständlich

Welch eine Gabe ists, wenn man verständlich

Denn dadurch äusert sich das innre Seelen Licht,

O! unentbehrlich Glied! du must uns auf der Er-

Nach unsers Schöpfers Rath ein heilsam Mittel

Daraus in dieser Welt, so mancher Vortheil

Den im Geselschafftsband ein jeder Mensch ge-

Die Thiere haben zwar mit uns die andren Sin-

Gemein, sie hören, sehn; sie werden gleichfals in-

Sie riechen, schmekken, fühln, was in Geschöpfen

Allein der Vorzug wird dadurch so gleich entdekt,

Daß wir vernünfftig seyn; und daß wir auch ver-

Zu denken und das Wolln durch Wörter vorzule-

Wir leben auf der Welt in dem Gesellschaffts-

Der eine brauchet dies, der das, wie gnug be-

Wir würden dieser Hülf von andern sehr entbeh-

Wenn wir nicht durch die Zung vermöchten zu er-

Was unsre Noth erheischt. Wie elend ist dar-

Ein Kind das, was es wil, nicht deutlich lallen

So elend wären wir: und daraus ist zu sehen,

Wie nöthig Zung und Sprach zu unsern Wolerge-

Die Sprach ist in der Welt, zu vielen andern

Durch Wort und Unterricht wird unsers Geistes

Geschärfft, und durch die Zung wird uns das auch

Was unserm Geist und Leib, vergnügte Lust gewäh-

O! Mensche! denk dem nach; was dir daraus ent-

Daß GOtt die Zung gemacht, und das dein Mund

In Wort und Thönen sagt, bei offner Lippen

Den innren Seelen Trieb, die Regung der Ge-

Welch eine Wollthat ists, daß du die Zunge hast?

Dadurch erleichterst du des Herzens schwere Last,

Wenn dein Mund einen Freund das bange Elend

Das dich in dieser Welt, auf manche Weise pla-

So wie durch Thränen wird der Schmerz heraus

Wenn das umwölkte Herz die Wehmuth fliessen

So wird durch Zung und Mund in Worten aus-

Was in dem Herzen liegt, und in dem Innren wü-

Die Sprache würzet stets den Umgang den man

Durch Unterredung wird uns manches vorgelegt,

Was unsern Geist vergnügt. Was müsten wir ent-

Wenn wir in dieser Welt zusammen Sprachlos wä-

Gesellschafft, alles das, was man Vergnügen heist,

Was als ein Honigseim von holden Zungen fleust,

Das wär ein solches Gut, das wir entbehren mü-

Wenn wir, der Seelen Trieb nicht zu erklären wü-

Es wäre diese Welt nicht anders anzusehn,

Als eine Wüstenei, wo stumme Menschen gehn.

Wie glüklich sind wir jezt, da wir durch Zung und

Einander was uns plagt, was uns erfreut, erzäh-

Der Zungen reger Schwamm dient uns zur Spra-

Wie glüklich sind wir nicht durch dieses Glieds Ge-

Allein wer denkt daran, daß wir des Höchsten Ga-

Die Zung zu seinen Ruhm auch mit empfangen ha-

Wer macht mit flüßger Zung, durch seine Sprach

Der Gottheit Lob und Preis, wie sichs gebüh-

Wer denket wol daran, daß uns dies Glied ge-

Damit wir in der Welt des Höchsten Ruhm er-

Die Zunge ist ein Glied, das zu des Nächsten

Zu eignen Wolfahrt ist, zu unsrer Lust, zum

Nach einem weisen Rath aus lauter Güt geschen-

Wie? wird sie jederzeit zu diesen Zwek gelenket?

Die Zung ist leider auch, mit Sünden-Gifft be-

Das Böse das im Blut, im Herzen heimlich sizt,

Wird durch der Zungen Dienst zum Mund heraus-

Ein Spötter dessen Wiz von Wahn bethöret träu-

Greifft mit derselben auch den heilgen Schöpfer

Und tadelt ungescheut, was er nicht fassen kan.

Der arme Erdenwurm, der alles wil ergründen,

Der kan in

Sein arges Herze denkt, daß das was ihm nicht

Sey auch, ob mans gleich meint, nicht glaublich,

Die Zunge wird entflammt vom Schweffelfeur der

Der Mund eröfnet sich den Höchsten anzubellen;

Und sprüzt den bösen Gifft auf die Religion,

Sie greift die Warheit an, mit Schimpf, mit Spot

So wird die Zung ein Dolch, ihr übereiltes Spre-

Macht sie den Schlangen gleich, die gifftig sind und

Was vor ein Uebel wird, wenn falscher Zungen-

Auch auf den Nächsten fließt, der Unschuld Herze

Nicht öffters angericht? Wie? ist nicht leider wor-

Dies herrlich Wunderglied ein Schwerd dadurch

Die Tadelsucht gebraucht die Zunge wie ein

Damit sie Redligkeit und Unschuld stark versehrt.

Der Neid macht sie zum Pfeil, die Tugend zu ver-

Die Prahlsucht brauchet sie sich selber hoch zuschäz-

Und der Verläumder meint, die Zung sey ihm ver-

Damit, was ehrlich heist, nur hönisch durchzuziehn.

Die Bosheit, Grim und Zorn die Jäscht und Geif-

Die brauchen auch die Zung, damit sie wittern, bliz-

Die Zunge wird auch offt, dem der zu dreiste spricht,

Ein Dolch damit er sich selbst in das Herze sticht;

Wer sie nicht recht verwahrt, nicht klüglich sucht zu

Der kan sich dadurch selbst in grosses Unglük sen-

Dies lehrt dir deine Pflicht O Mensche! denk dar-

Was dieses schlüpfrich Glied vor Uebel bringen kan,

Wenn es nicht wird bewahrt. Drum brauche Schlos

Nach jenes Weisen Rath; Halt deine Zung im Zügel,

Die wie ein kollernd Pferd, wenn sie nicht wird re-

Dich ehe du es meinst, in dein Verderben führt.

Bedenke ihren Zwek, warum sie dir gegeben;

Wer seinen Mund bewahrt, bewahret auch sein Le-

Selbst die Natur giebt dir ein Denkbild an die

Du merkst wie deine Zung am Gaum fest ange-

Wie sie mit Zähnen ist, mit Leffzen, gleich den

Jm Munde fest verwahrt; wil sie dich überschnellen,

So zieh die Thore zu: und wenn die sind gesperrt,

So denke erstlich nach, eh dir ein Wort entfährt:

Regier sie durch Vernunfft, und hast du die Ge-

Vorhero wohl geprüfft; so öfne ihre Schranken;

Sprich, was zu

Was von dem innren Trieb zum Wohl des Näch-

Was wahren Nuzen bringt, was lieblich ist zu hö-

So brauchest du die Zung zu deines Schöpfers