Prologzur Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag in Zürich

By Gottfried Keller

Written 1854-01-01 - 1854-01-01

Man sagt, daß in der Völkerschlacht,

Wo donnern Stück und Wagen,

In schmelzenden Gesanges Pracht,

Als wär der schönste Lenz erwacht,

Die Nachtigallen schlagen.

In Busch und Baum die Schlacht entlang,

Verborgen in den Wettern,

Wetteifernd mit Drommetenklang

Und der Gefallnen Wehgesang,

Hört man die Triller schmettern.

Sie halten den Streit für Frühlingslust,

Den Tod für holdes Minnen,

Sind keiner Sorge sich bewußt –

Da fährt das Blei durch ihre Brust

Und reißt das Nest von hinnen.

So war's, als des Jahrhunderts Tor

Aufsprang mit ehrnen Pforten,

Ein roter Morgen trat hervor,

Mit ihm ein endlos langer Chor

Von blutenden Kohorten.

Was tausendjährig, sank in Staub

Wohl unter ihren Schritten,

Und Glück und Staub des Cäsars Raub,

Er selber dann wie falbes Laub

Knirscht' unter des Siegers Tritten. –

Da saß ein stiller Mann im Land,

Dem war Gewalt gegeben,

Zu wirken mit gefeiter Hand

Ein tausendtönig Zauberband

In das empörte Leben.

Er goß des Wohllauts süßen Wein

Aus über die Wogenheere;

Mocht noch so laut die Brandung schrein,

Doch stärker klang sein Spiel darein,

Wie Orgelton am Meere.

Nicht sorglos wie die Nachtigall

Hat er sein Lied gesungen;

Es war der großen Klage Schall,

Die Menschenherz und weites All

Geheimnisvoll durchdrungen.

Der Klage, die mit höchster Kraft

In Freude dann sich wendet

Und die, den Sternen kühn entrafft,

Den letzten Kranz der Meisterschaft

Dem sel'gen Sänger spendet.

Vorüber zogen hundert Jahr,

Seit er ans Licht geboren;

Hin ist die Welt, die mit ihm war –

Noch wandeln seine Sterne klar

Im Äther unverloren.

Noch hallt sein unsichtbares Haus

Und klingt von Meer zu Meere,

Und wieder haust des Sturmes Graus,

Geharnischt führt der Tod hinaus

Zahllose Völkerheere.

Ein Cäsar liegt – mit goldner Zier

Wird sich der Deutsche krönen;

Sein Donner grollt – doch ferne hier

In goldnem Frieden lassen wir

Des Zaubrers Lied ertönen.