Psalm 139. 23, 24

By Carl Friedrich Drollinger

Written 1715-01-01 - 1715-01-01

Schöpfer! der du alles kennest,

Was in meinem Herzen ruht:

Der du es mit Namen nennest,

Ob es irrig, ob es gut:

Schaue, was für Dunkelheiten

Sich durch meine Seele breiten;

Und gebiete deinem Licht,

Daß es meine Nächte bricht!

Herr! ich bin mir selbst verborgen.

Wem ist wol sein Herze kund?

Tausendmal in Einem Morgen

Aendert sich sein innrer Grund.

Träume, die kein Wesen halten,

Ungewisse Scheingestalten,

Licht und Schatten, Wahn und Witz

Wechseln stets in seinem Sitz.

Dennoch richt ich mein Beginnen

Nur nach eignem Dünkel ein,

Und es wollen meine Sinnen

Klüger, als du selbsten, seyn.

O welch döhrichtes Geschöpfe!

Haben denn die schnöden Töpfe,

Die ein leichter Streich zerstört,

Ihren Schöpfer je gelehrt?

Nun! ich weiß durch Tausend Proben,

Daß mein Tuhn mich stets betriegt,

Bis die hohe Macht von oben

Sich zu meiner Schwachheit fügt.

Drum, o einig-weyses Wesen,

Sorge du für mein Genesen;

Und eröffne deinem Knecht,

Was verboten, was gerecht!

Schau herab von deinen Höhen,

Und erforsche meinen Gang!

Sihest du mich irre gehen,

O so warte nicht zu lang!

Reisse mich mit starken Armen

Durch dein heiliges Erbarmen

Von dem Weg, den ich berührt,

Eh er mich zur Höllen führt!

Herr! ich fühle deine Stärke,

Die mir Licht und Trost verheißt.

Deiner Gnade Wunderwerke

Wirken schon in meinem Geist.

Ja du willt, du willt mich führen,

Wenn sich Bahn und Tag verlieren.

Deine Rechte leitet mich;

Und ich gehe sicherlich.

O wie selig, welcher immer

Unter deiner Führung steht!

Höchster Führer, weiche nimmer,

Bis mein Lauff zum Ende geht!

Leüchte meinem Angesichte,

Bis ich einst in vollem Lichte,

Frey von irrtumsreichem Wahn

Deine Gottheit schauen kan!