Psalm LXVI. 6.

By Barthold Heinrich Brockes

Ein' Insel, die oft keine Insel, ein fest- und doch kein festes

Land,

Das bald ein Bett der tiefen Fluhten, und bald ein aufge-

deckter Sand.

Das Neue-Werk, so man nicht unrecht ein Wunder der Natur

wird nennen,

Und Fremden etwas, das kaum glaublich, von seiner Lag’

erzehlen können,

Soll meiner Lieder Vorwurf seyn. Ach gieb, HErr! daß, zu

Deiner Ehr',

In der Betrachtung, die Bewundrung, und darinn sich Dein

Lob vermehr'.

Es liegt nicht weit vom Mund der Elbe, wo selbe sich ins

Meer ergiesset,

Jedoch nicht immer, sondern öfters, zum Wunder, wieder

rückwerts fliesset,

Recht mitten in den blauen Fluhten ein Land, worauf ver-

schiedne Höh'n,

Ob es gleich an sich selber flach, durch Menschen-Hand

erbaut, zu seh'n.

Wenn die bisher geschwollne Fluht von Osten wieder rück-

werts dringet,

Und, durch die sogenannte Ebbe, das Meer sie wieder in sich

schlinget,

Entdecket sich der tiefe Grund. Der Boden, der verborgen lag,

Tritt, aus der wilden Wellen Reich und dunklem Zustand,

an den Tag.

Wo, etwa noch vor eine Stunde, geschwollne Segel auf

und nieder,

Wo tief beladner Wasser-Schlösser erhabne Masten hin und

wieder,

Von tiefer Fluht getragen, schwebten; daselbst erblickt man

dürren Sand,

Daselbst erblickt man, mit Erstaunen, auf einem öd- und

trocknen Strand,

Anstatt der Schiff’ und stolzer Segel, im schnellen Traben,

Pferd' und Wagen

Oft auf dem aufgedeckten Boden des Meeres hin und wieder

jagen.

Hier sieht man nichts, als Sand und Himmel. Kein Gras,

kein Strauch, kein Stein, noch Baum

Ist hier zu sehen. Hin und wieder liegt etwas hinterlaßner

Schaum,

Von Schnecken-Häusern sind hier Bänke, von Muscheln

hin und wieder Haufen,

Die krachen, wenn man sie zerfährt. Hier sieht man öfters

hin und her,

Mit einem seltsam krummen Gang, itzt in die Läng’, itzt in die

Quer,

Die wunderbar geformte Formen der runden Taschen-Krebse

laufen,

Und zu den niedern Stellen eilen, wo, voll von länglichen

Karnat,

Oft noch ein kleiner Rest vom Wasser in Tiefen sich gesammlet

hat.

Der Boden ist von sondrer Art, von oben sieht er wirblich

kraus,

Bald Schlangen gleich, bald Schuppen ähnlich, und oft

als kleine Wellen aus,

Die aufangs zwar den Wagen-Rädern, durch ihre kleine

runde Höhen,

Wenn man im Trab darüber fährt, bemühet sind zu wider-

stehen,

So, daß man, weil man auf dem Wagen, dadurch ein Schüt-

tern fühlt und hört,

Es auf dem

Pflaster fährt,

Da doch der Grund so feucht und weich, daß, wo man nur ein

wenig stehet,

Und nicht beständig in Bewegung darüber reitet, fährt und

gehet,

Man durch und in den Trieb-Sand sinkt, so daß, wie sehr

sie sich bemüh'n,

Die Pferde den gesunknen Wagen nicht mächtig sind hervor

zu zieh'n,

Weswegen man, so viel es möglich, hier immer in Bewegung

bleibet.

Wann auch verschiedne tiefe Rillen, woraus nicht alles

Wasser treibet,

Wodurch man fahren muß, vorhanden, und diese sehr verän-

derlich,

Und oftermahl viel tiefer werden, und schlammigter; versieht

man sich

Mit einem sogenannten Lootsen, dem auf dem wandelbaren

Sand,

Der öfters sicht- und oft nicht sichtbar, so Weg’, als Tiefen

wohl bekannt.

An welcher letztern noch am meisten auf dieser fremden Fahrt

gelegen;

Denn mancher ist hier umgekommen um einer viertel Stunde

wegen,

Die er entweder gar zu früh, wie oder etwan auch zu spat,

Sich auf den fremden Weg gemacht, wie oder auch verzögert

hat.

Indem die wiederkehr’nde Fluhten, mit grosser Eile, rückwerts

dringen,

Und zwar von Osten und von Westen, was ihnen widersteht,

verschlingen,

So daß (absonderlich im Nebel) aus diesem Umstand

offenbar,

Neptunus Reich sey zu betreten, auch, wenn es leer, nicht ohn’

Gefahr.

Erhöheten sich hier, wie dort bey Mose, die verlaufnen

Wellen,

So diente dieß, ein Ebenbild von jenem Durchgang vorzu-

stellen.

Wenn dieser Weg nun überbracht, so meistens in fünf

viertel Stunde

Bequemlich zu geschehen pflegt’, und man nunmehr am festen

Grunde

Der Insel selber angelangt; pflegt’ man sich fröhlich umzu-

seh'n,

Und zum erhabnen Thurm zu eilen, um, von desselben steilen

Höh'n,

Die, ausser dem erhabnen Dach, auf neunzig Füsse sich

erstrecken,

Die fremde Wunder der Natur, auch Land und Wasser zu

entdecken.

Hier wird man nun, nicht ohn’ Erstaunen, zumahl wenn

Luft und Wetter klar,

Ein ja so groß, als schön Theater, vom Luft-Kreis und der

Fluht, gewahr.

Der durch die runde Fern und Weite der Fluht und Luft

verschlungne Blick

Eilt, sonder Grenzen, immer fort, und muß doch, sonder Ziel,

zurück.

Hier sieht man durch ein Perspectiv, wenns Wetter klar ist,

mit Vergnügen,

Den auf neun Meil entfernten Felsen von

Wellen liegen.

Die ungewisse blaue Höhe scheint in den Wolken fast zu

stehn,

Man kann es hier (so wie mans nennet) sich in die Höhe

tundern sehn.

Nun ist der Grund von dieser Insel besonders eben, platt

und flach,

Und strecket sich, fast unvermerkt, bis an das Wasser all-

gemach,

So hier von einer solchen Breite, daß auch die allerschärfsten

Augen

Kein’ andre Schranken hier zu finden, und keinen Strand zu

sehen taugen.

Es läßt, als ob die blaue Luft auf der noch dunkler blauen

Fluht,

In einem ungemeßnen Cirkel, der sonder Grenzen, liegt und

ruht.

Die grosse Breite des Gewässers scheint hier sich gleichsam

zu erhöhen,

Und der zuletzt gesehne Strich vom Wasser aufwerts mehr

zu stehen,

Als der, so unserm Strande nah. Es scheint daher das

Wasser-Reich,

Zumahl bey klarer Luft, allhier natürlich einem Berge gleich,

Der dunkel-blau, wie ein Sapphir. Wenn man, von dieser

Höhe, denket,

Daß sie aus Wasser bloß bestehe, so faßt man kaum, wie es

geschicht,

Daß sich dieß wäßrigte Gebirge nicht augenblicklich abwerts

senket,

Den nicht so hoch erhabnen Strand (so wie es scheinet) nicht

ertränket,

Und daß sie Baken, Thurm und Blüse, zusammt der ganzen

Insel, nicht

Verschlinget, und nicht überschwemmet, zumahl, wenn die

erzürnte Wellen,

Von Aeols rasendem Gesinde gepeitscht und fortgestossen,

schwellen.

Wahrhaftig, es verdient Bewundrung, daß ein so leicht- und

flacher Sand

Der wilden Fluht zum Riegel dient, und gnugsam starken

Widerstand,

Des Wassers ungeheure Last durch seine eigne Last verdäm-

met.

Wenn wir nun auf der blauen Höhe bald weiß- bald rohte

Segel seh'n,

Die von der Sonnen hell bestrahlt, und, durch den dunkel-

blauen Grund,

Noch desto mehr annoch erhoben, den Augen oft recht feurig

bunt,

Und fast illuminiret scheinen, bald sich entfernen, bald sich

nah'n,

Bald in die Läng’ und aus dem Meer,

Bald oberwerts von Hamburg her,

Bald anderweitig in die Quer,

Auf der nicht abzusehnden Breite,

Bald groß und deutlich, wenn sie nah, bald klein und

dunkel in die Weite;

Vermögte sich an dem Spectakel des Reichs der Wellen, das

so schön,

Der Blick, bald durch ein Perspectiv, bald unbewehrt, nicht

satt zu seh'n.

Es schien, ob wollte fast darüber der Geist sich von den

Blicken trennen,

Er faßte nicht, wie Schiff’ auf Bergen, die so erhaben, fahren

können.

Am allerunbegreiflichsten ist, daß, wenn man von oben sieht,

Sich der sapphirnen Fluhten Cirkel rings um die ganze

Insel zieht.

Man sucht umsonst so Pfad als Weg, worauf man in dieß

Land gekommen,

Zur Abfahrt scheinet ebenfalls so Pfad als Weg uns aufge-

nommen.

Wo, noch vor kurzem, Wagen rollten, wo manches Pferd

beritten liefe,

Sieht man sich itzo Wellen rollen, rauscht überall die blaue

Tiefe.

Die Aecker, die in ebner Länge, zusammt dem fast smaragdnen

Grünen

Der bunten Bluhmen-reichen Wiesen, illuminirte Carten

schienen,

Sind, von des Thurms erhabnen Höhe, bey jenem fast

sapphirnen Blauen

Des ungemeßnen Wasser-Reichs, um desto schöner noch zu

schauen.

Ob nun, zumahl bey gutem Wetter, das Land in steter

Trockne ruht,

So füllen sich doch alle Graben bis an den Teich bey jeder

Fluht.

Man sieht in dieser kleinen Insel noch ferner, und nicht

sonder Freuden,

Sowohl besonders fette Kühe, als Wollen- reiche Schafe

weiden.

Wird diesen nun auf ihren Weiden ihr Futter und das meiste

Gras,

Durch das hier salze See-Gewässer, oft überflossen, feucht

und naß;

So essen sie es dennoch gerne, und schläget ihnen trefflich zu.

Die Kühe halten oftermahl im Wasser ihre Mittags-Ruh,

Worinn sie auf den ebnen

Fluht sich kühlen,

Zumahl, wenn sie sich von dem Schwarm der Fliegen ange-

fochten fühlen.

Es steht auf dieser flachen Insel bald nassem und bald

trocknem Raum

Kein Strauchwerk, kein Gebüsch, noch Staud’, ja nicht ein-

mahl ein einz'ger Baum.

Es muß daher bey schlechtem Wetter und Sturm, zumahl

zur Winters-Zeit,

Wenn die vom Nebel, Frost und Schnee geschwärzte Lüfte

heulend sausen,

Wenn die mit Schollen, Strudeln, Wirbeln erfüllte Fluhten

schäumend brausen,

Und alles zu verschlingen drohen, kein angenehmer Wohn-

platz seyn,

Und dennoch sind die Leute dort,

Mit dem so seltsam-öden Ort,

Den ihnen die Natur zur Wohnung hier beschieden,

Von Menschen oft ganz abgesondert, durch die Gewohnheit,

wohl zufrieden.

Ein Lehr-Bild, daß, wie die Gewohnheit im Guten uns oft

unvergnügt

Und unglückselig machen kann, sie uns den schlechten Stand

erträglich,

Ja, wie uns Grön- und Lapland zeiget, denselben öfters

gar behäglich

Und angenehm zu machen fähig. Nun laßt uns ferner noch

beseh'n,

Was für unglaublich grosse Kosten, dem Handel hier zum

Nutz, geschehn: