Psalm LXVI. 6.
Ein' Insel, die oft keine Insel, ein fest- und doch kein festes
Land,
Das bald ein Bett der tiefen Fluhten, und bald ein aufge-
deckter Sand.
Das Neue-Werk, so man nicht unrecht ein Wunder der Natur
wird nennen,
Und Fremden etwas, das kaum glaublich, von seiner Lag’
erzehlen können,
Soll meiner Lieder Vorwurf seyn. Ach gieb, HErr! daß, zu
Deiner Ehr',
In der Betrachtung, die Bewundrung, und darinn sich Dein
Lob vermehr'.
Es liegt nicht weit vom Mund der Elbe, wo selbe sich ins
Meer ergiesset,
Jedoch nicht immer, sondern öfters, zum Wunder, wieder
rückwerts fliesset,
Recht mitten in den blauen Fluhten ein Land, worauf ver-
schiedne Höh'n,
Ob es gleich an sich selber flach, durch Menschen-Hand
erbaut, zu seh'n.
Wenn die bisher geschwollne Fluht von Osten wieder rück-
werts dringet,
Und, durch die sogenannte Ebbe, das Meer sie wieder in sich
schlinget,
Entdecket sich der tiefe Grund. Der Boden, der verborgen lag,
Tritt, aus der wilden Wellen Reich und dunklem Zustand,
an den Tag.
Wo, etwa noch vor eine Stunde, geschwollne Segel auf
und nieder,
Wo tief beladner Wasser-Schlösser erhabne Masten hin und
wieder,
Von tiefer Fluht getragen, schwebten; daselbst erblickt man
dürren Sand,
Daselbst erblickt man, mit Erstaunen, auf einem öd- und
trocknen Strand,
Anstatt der Schiff’ und stolzer Segel, im schnellen Traben,
Pferd' und Wagen
Oft auf dem aufgedeckten Boden des Meeres hin und wieder
jagen.
Hier sieht man nichts, als Sand und Himmel. Kein Gras,
kein Strauch, kein Stein, noch Baum
Ist hier zu sehen. Hin und wieder liegt etwas hinterlaßner
Schaum,
Von Schnecken-Häusern sind hier Bänke, von Muscheln
hin und wieder Haufen,
Die krachen, wenn man sie zerfährt. Hier sieht man öfters
hin und her,
Mit einem seltsam krummen Gang, itzt in die Läng’, itzt in die
Quer,
Die wunderbar geformte Formen der runden Taschen-Krebse
laufen,
Und zu den niedern Stellen eilen, wo, voll von länglichen
Karnat,
Oft noch ein kleiner Rest vom Wasser in Tiefen sich gesammlet
hat.
Der Boden ist von sondrer Art, von oben sieht er wirblich
kraus,
Bald Schlangen gleich, bald Schuppen ähnlich, und oft
als kleine Wellen aus,
Die aufangs zwar den Wagen-Rädern, durch ihre kleine
runde Höhen,
Wenn man im Trab darüber fährt, bemühet sind zu wider-
stehen,
So, daß man, weil man auf dem Wagen, dadurch ein Schüt-
tern fühlt und hört,
Es auf dem
Pflaster fährt,
Da doch der Grund so feucht und weich, daß, wo man nur ein
wenig stehet,
Und nicht beständig in Bewegung darüber reitet, fährt und
gehet,
Man durch und in den Trieb-Sand sinkt, so daß, wie sehr
sie sich bemüh'n,
Die Pferde den gesunknen Wagen nicht mächtig sind hervor
zu zieh'n,
Weswegen man, so viel es möglich, hier immer in Bewegung
bleibet.
Wann auch verschiedne tiefe Rillen, woraus nicht alles
Wasser treibet,
Wodurch man fahren muß, vorhanden, und diese sehr verän-
derlich,
Und oftermahl viel tiefer werden, und schlammigter; versieht
man sich
Mit einem sogenannten Lootsen, dem auf dem wandelbaren
Sand,
Der öfters sicht- und oft nicht sichtbar, so Weg’, als Tiefen
wohl bekannt.
An welcher letztern noch am meisten auf dieser fremden Fahrt
gelegen;
Denn mancher ist hier umgekommen um einer viertel Stunde
wegen,
Die er entweder gar zu früh, wie oder etwan auch zu spat,
Sich auf den fremden Weg gemacht, wie oder auch verzögert
hat.
Indem die wiederkehr’nde Fluhten, mit grosser Eile, rückwerts
dringen,
Und zwar von Osten und von Westen, was ihnen widersteht,
verschlingen,
So daß (absonderlich im Nebel) aus diesem Umstand
offenbar,
Neptunus Reich sey zu betreten, auch, wenn es leer, nicht ohn’
Gefahr.
Erhöheten sich hier, wie dort bey Mose, die verlaufnen
Wellen,
So diente dieß, ein Ebenbild von jenem Durchgang vorzu-
stellen.
Wenn dieser Weg nun überbracht, so meistens in fünf
viertel Stunde
Bequemlich zu geschehen pflegt’, und man nunmehr am festen
Grunde
Der Insel selber angelangt; pflegt’ man sich fröhlich umzu-
seh'n,
Und zum erhabnen Thurm zu eilen, um, von desselben steilen
Höh'n,
Die, ausser dem erhabnen Dach, auf neunzig Füsse sich
erstrecken,
Die fremde Wunder der Natur, auch Land und Wasser zu
entdecken.
Hier wird man nun, nicht ohn’ Erstaunen, zumahl wenn
Luft und Wetter klar,
Ein ja so groß, als schön Theater, vom Luft-Kreis und der
Fluht, gewahr.
Der durch die runde Fern und Weite der Fluht und Luft
verschlungne Blick
Eilt, sonder Grenzen, immer fort, und muß doch, sonder Ziel,
zurück.
Hier sieht man durch ein Perspectiv, wenns Wetter klar ist,
mit Vergnügen,
Den auf neun Meil entfernten Felsen von
Wellen liegen.
Die ungewisse blaue Höhe scheint in den Wolken fast zu
stehn,
Man kann es hier (so wie mans nennet) sich in die Höhe
tundern sehn.
Nun ist der Grund von dieser Insel besonders eben, platt
und flach,
Und strecket sich, fast unvermerkt, bis an das Wasser all-
gemach,
So hier von einer solchen Breite, daß auch die allerschärfsten
Augen
Kein’ andre Schranken hier zu finden, und keinen Strand zu
sehen taugen.
Es läßt, als ob die blaue Luft auf der noch dunkler blauen
Fluht,
In einem ungemeßnen Cirkel, der sonder Grenzen, liegt und
ruht.
Die grosse Breite des Gewässers scheint hier sich gleichsam
zu erhöhen,
Und der zuletzt gesehne Strich vom Wasser aufwerts mehr
zu stehen,
Als der, so unserm Strande nah. Es scheint daher das
Wasser-Reich,
Zumahl bey klarer Luft, allhier natürlich einem Berge gleich,
Der dunkel-blau, wie ein Sapphir. Wenn man, von dieser
Höhe, denket,
Daß sie aus Wasser bloß bestehe, so faßt man kaum, wie es
geschicht,
Daß sich dieß wäßrigte Gebirge nicht augenblicklich abwerts
senket,
Den nicht so hoch erhabnen Strand (so wie es scheinet) nicht
ertränket,
Und daß sie Baken, Thurm und Blüse, zusammt der ganzen
Insel, nicht
Verschlinget, und nicht überschwemmet, zumahl, wenn die
erzürnte Wellen,
Von Aeols rasendem Gesinde gepeitscht und fortgestossen,
schwellen.
Wahrhaftig, es verdient Bewundrung, daß ein so leicht- und
flacher Sand
Der wilden Fluht zum Riegel dient, und gnugsam starken
Widerstand,
Des Wassers ungeheure Last durch seine eigne Last verdäm-
met.
Wenn wir nun auf der blauen Höhe bald weiß- bald rohte
Segel seh'n,
Die von der Sonnen hell bestrahlt, und, durch den dunkel-
blauen Grund,
Noch desto mehr annoch erhoben, den Augen oft recht feurig
bunt,
Und fast illuminiret scheinen, bald sich entfernen, bald sich
nah'n,
Bald in die Läng’ und aus dem Meer,
Bald oberwerts von Hamburg her,
Bald anderweitig in die Quer,
Auf der nicht abzusehnden Breite,
Bald groß und deutlich, wenn sie nah, bald klein und
dunkel in die Weite;
Vermögte sich an dem Spectakel des Reichs der Wellen, das
so schön,
Der Blick, bald durch ein Perspectiv, bald unbewehrt, nicht
satt zu seh'n.
Es schien, ob wollte fast darüber der Geist sich von den
Blicken trennen,
Er faßte nicht, wie Schiff’ auf Bergen, die so erhaben, fahren
können.
Am allerunbegreiflichsten ist, daß, wenn man von oben sieht,
Sich der sapphirnen Fluhten Cirkel rings um die ganze
Insel zieht.
Man sucht umsonst so Pfad als Weg, worauf man in dieß
Land gekommen,
Zur Abfahrt scheinet ebenfalls so Pfad als Weg uns aufge-
nommen.
Wo, noch vor kurzem, Wagen rollten, wo manches Pferd
beritten liefe,
Sieht man sich itzo Wellen rollen, rauscht überall die blaue
Tiefe.
Die Aecker, die in ebner Länge, zusammt dem fast smaragdnen
Grünen
Der bunten Bluhmen-reichen Wiesen, illuminirte Carten
schienen,
Sind, von des Thurms erhabnen Höhe, bey jenem fast
sapphirnen Blauen
Des ungemeßnen Wasser-Reichs, um desto schöner noch zu
schauen.
Ob nun, zumahl bey gutem Wetter, das Land in steter
Trockne ruht,
So füllen sich doch alle Graben bis an den Teich bey jeder
Fluht.
Man sieht in dieser kleinen Insel noch ferner, und nicht
sonder Freuden,
Sowohl besonders fette Kühe, als Wollen- reiche Schafe
weiden.
Wird diesen nun auf ihren Weiden ihr Futter und das meiste
Gras,
Durch das hier salze See-Gewässer, oft überflossen, feucht
und naß;
So essen sie es dennoch gerne, und schläget ihnen trefflich zu.
Die Kühe halten oftermahl im Wasser ihre Mittags-Ruh,
Worinn sie auf den ebnen
Fluht sich kühlen,
Zumahl, wenn sie sich von dem Schwarm der Fliegen ange-
fochten fühlen.
Es steht auf dieser flachen Insel bald nassem und bald
trocknem Raum
Kein Strauchwerk, kein Gebüsch, noch Staud’, ja nicht ein-
mahl ein einz'ger Baum.
Es muß daher bey schlechtem Wetter und Sturm, zumahl
zur Winters-Zeit,
Wenn die vom Nebel, Frost und Schnee geschwärzte Lüfte
heulend sausen,
Wenn die mit Schollen, Strudeln, Wirbeln erfüllte Fluhten
schäumend brausen,
Und alles zu verschlingen drohen, kein angenehmer Wohn-
platz seyn,
Und dennoch sind die Leute dort,
Mit dem so seltsam-öden Ort,
Den ihnen die Natur zur Wohnung hier beschieden,
Von Menschen oft ganz abgesondert, durch die Gewohnheit,
wohl zufrieden.
Ein Lehr-Bild, daß, wie die Gewohnheit im Guten uns oft
unvergnügt
Und unglückselig machen kann, sie uns den schlechten Stand
erträglich,
Ja, wie uns Grön- und Lapland zeiget, denselben öfters
gar behäglich
Und angenehm zu machen fähig. Nun laßt uns ferner noch
beseh'n,
Was für unglaublich grosse Kosten, dem Handel hier zum
Nutz, geschehn: