Reformation

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Woll' uns deinen Tröster senden,

Herr, in dieser schweren Zeit,

Da die Welt an allen Enden

Durstig nach Erlösung schreit!

Denn es geht ein heilig Sehnen

Durch der Völker bangen Sinn,

Und sie seufzen unter Tränen:

Hüter, ist die Nacht bald hin?

Ach, sie fühlen's: Alles Wissen,

Ob's den Stoff der Welt umfaßt,

Bringt, vom Ew'gen losgerissen,

Kein Genügen, keine Rast.

Doch die Suchenden, Beschwerten

Treibt levitisch Schwertgezück,

Treibt der Spruch der Schriftgelehrten

Hart und eng in sich zurück.

Was einst Trost und Heil den Massen,

Ward zur Satzung dumpf und schwer;

Dieser Kirche Formen fassen

Dein Geheimnis, Herr, nicht mehr.

Tausenden, die fromm dich rufen,

Weigert sie den Gnadenschoß,

Wandle denn, was Menschen schufen,

Denn nur du bist wandellos.

Aus dem dunkeln Schriftbuchstaben,

Aus der Lehr' erstarrter Haft,

Drin der heil'ge Geist begraben,

Laß ihn auferstehn in Kraft!

Laß ihn übers Rund der Erde

Wieder fluten froh und frei,

Daß das Glauben Leben werde,

Und die Tat Bekenntnis sei!

Flammend zeug' er, was vereinigt

Einst der Boten Mund getönt,

Wie's, vom Zeitlichen gereinigt,

Sich dem Menschengeist versöhnt!

Zeug' es, bis vor solcher Kunde

Jede Zweifelstimme schweigt,

Und empor vom alten Grunde

Frei die neue Kirche steigt.