Reise über den Hartz-Wald unter lauter Donnern und BlitzenFußnoten
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Als mir in Phœbus-Burg in Wolffenbüttel waren
Kam schon die schwartze Glut der Wolcken hergefahren
Und dräute manche Noth Des Höchsten Stimme brach
Mit donnern in die Welt. Des Wetters Ungemach
Der Grimm der dicken Lufft das Schrecken-volle Blitzen
Schlug schon in unsern Muth wie in der Thürme Spitzen:
So rief die kühne Post: es muß gefahren seyn
Und schlagen selbst in uns des Donners-Strahlen ein.
In Kugel-Regen geht nur ein Soldat gedungen;
Und große Helden nicht als durch den Ruhm gezwungen.
Auf Posten aber muß man vor sein eigen Geld
Gantz sonder Ehr und Ruhm in ein so furchtsam Feld.
Hier war kein warten nicht die Pferde musten eilen
Als wären wir bestimmt mit Titans seinen Pfeilen
Ja mit dem Himmel selbst ein Tressen einzugehn
Und wie der Riesen Trotz uns auch zermalmt zu sehn.
Wir näherten uns so um das bey uns zu schauen
Wofür uns auch entfernt natürlich muste grauen
Wir kamen unters Dach das voller Schwefel steckt
Und harte Felsen auch durch seine Keile schreckt.
Da hörten wir nun erst uns und die Welt erschüttern
Und fühlten unser Marck vor dessen Allmacht zittern
Vor dem die große Welt aus Ehrfurcht sich bewegt
Und offt die Kleine nicht ihr hartes Hertze regt.
Gott wird mir gnädig seyn; Ich sprach: Herr und Erretter
Sprich ob es möglich sey und rede durch dein Wetter
Ob was dich nicht als Gott vorher verstockt erkennt
Da die Natur erbebt dich nicht den Schöpfer nennt?
Hier kamen Blitz und Knall zugleich herab geschossen
Uns hatte Glut und Schlag im Zircul eingeschlossen.
Ins Auge drang der Strahl so sehr wir uns verhüllt
Und das Gehirne ward mit Schrecken angefüllt.
Die Lieder hörten auf die vor die Roth gesungen
Die Angst lag Centner schwer auf Hertzen und auf Zungen.
Die Pferde fielen hin wir wurden fast versengt
Da hier die lichte Brunst den Boden aufgesprengt.
Hierauf entstund ein Sturm: gantz unter freyen Himmel
Stieß auf den matten Leib ein solches Wind-getümmel
Mit Hagel untermengt mit Schlossen Kugeln groß
Als brächen insgesamt die Elemente loß.
Gluth Hagel Wasser Wind begleiteten den Wagen
Bald trug der Sturm ihn fort bald ward er umgeschlagen.
Wir wusten nicht wohin. Es war nur überal
Um uns Egyptens Nacht und Sodoms Schwefel-Strahl.
Denn wenn der Blitz nicht mehr begunte Licht zu machen
Führt' uns die Finsternis der Höllen in den Rachen.
Ob ich bey Menschen war das wust ich eher nicht
Die Stimmen gaben denn durch Ach und Weh bericht.
Was aber sag ich viel? mehr denn acht gantzer Stunden
Hielt uns des Wetters Grimm in freyer Lufft gebunden.
Und dessen Sünden Fels hier kein Bewegen fühlt
Dem wünsch ich daß der Blitz in dem Gewissen wühlt.
Um zwey Uhr sahen wir die Wolcken hefftig fliehen
Und unsre Feinde so von ihrer Wahlstadt ziehen.
Der Unschuld weißes Kleid das alle Welt ergetzt
Zog drauf der Himmel an mit Sternen wohl besetzt.
Die Seele lobe Gott ward von uns angestimmet.
Da sah' ich wie bereits ein Pfeifgen Toback glimmet
Der zwar nichts böses ist doch wie uns der verlacht
Den die Verzweifelung vor aus sich selbst gebracht.
Ich aber wolte Gott zu erst ein Opffer bringen:
Denn wenn die Vögel auch ein holdes Dancklied fingen
Die vor im Baum gesteckt so muß der Mensch allein
Der seinen Gott nicht preißt ein schlimmer Vogel seyn.
Nun war die Noth vorbey die Nacht beklemter Hertzen
Die Sinnen konten nun in süsser Ruhe schertzen.
Der Geist ward Harffen gleich vom Arion gerührt
Wenn ihn durch Meer und Todt ein holder Delphin führt.
Die Sonne ließ ihr Gold von ferne schon erkennen
Das man nicht schöner kan als Morgenröthe nennen.
Wie freundlich dacht ich drauf der Himmel wieder lacht
Der uns mit samt der Welt vorher bald umgebracht!
Ein angenehmer Wald stieß uns darauf entgegen
Wo der Schmaragdne Glantz der Büsche kühles regen
Das Haupt bekröneten und wo der Vögel Klang
Die vor besiegte Nacht und den Triumph besang.
Wie war ich doch vergnügt! doch welche Sünden-Possen
Die aus der Spötter Mund die bey uns waren flossen!
Da stieg die Sonne hoch das Auge dieser Welt
Zu sehen wie der Mensch sich nach der Noth verhält.
Sie sah und ward erhitzt; sie schärfte Strahl und Blicke
Und stach als wolte sie des Hertzens böse Tücke
Verbrennen durch den Rock. Der Leib und das Gesicht
Die branten aber nur das böse Hertze nicht.
Sie zog ich sahe wohl viel aufwärts zu ihr fahren
Obs Sünden oder auch obs böse Dünste waren.
Doch Sodoma war froh und hatte nicht bedacht
Daß man bey klarer Lufft auch Donner-Keile macht.
Bey Stollberg sahen wir statt kaum erlebter Freuden
Den Himmel wiederum in tieffe Trauer kleiden.
Um vier Uhr nach Mittag um Auge Wald und Feld
War damahls roth und schwartz der Wolcken Heer gestelt.
Wie wenn man schädlich Wild in Wäldern denckt zu fangen
So hatte sich um uns ein dickes Garn gehangen
Da keiner nicht entläuft auf den die Strahlen nicht
Die Schützen in der Lufft ihr Feuer-Rohr gericht.
Wir fuhren von der Höh' in Stollbergs trieffe Gründe.
An – – dacht ich da die Tiefe meiner Sünde
Als gleich die Stimme kam die alle Welt erweckt
Wenn sie auch noch so sehr in Sünden Schlafe steckt.
Komm höre Felsen-Hertz wie da der Höchste wittert
Die Lufft ein Knall der dicke Wald erzittert
Der Felß so hart er auch die tief und feste Klust
Vor der Gewalt erbebt und furchtsam wieder rust.
Wie sich der Grund bewegt wie auf den ofnen Wagen
Die Strahlen uns ins Aug und ins Gewissen schlagen
Komm siehe wie die Glut die in den Abgrund fährt
Uns Mantel Haar und Haut und bald das Hertz versehrt.
Wie da das Laub versengt der Blitz die hohen Eichen
Zersplittert und zerschmeist und den geringen Sträuchen
Ob ihrer Demuth wird kein Schaden zugefügt.
Wie Bergen gleiche Furcht auf uns beständig liegt.
Denn siehe das Gesicht der Helden guter Zeiten
Die vor uns ausgelacht ob Schertz und Lustbarkeiten
Noch auf der Zunge sind ob ihre Minen frey
Und höhnisch noch bey dem was nur natürlich sey?
Vieleicht ist noch ihr Spott wenn hier die Wolcken brennen
Und sich (ach welche Glut!) mit Blitz und Hagel trennen?
Wenn bald zu unserm Todt satt Wassers sich ergießt
Der Herr im Himmel kracht und seine Strahlen schießt?
Komm schaue – – doch die Noth die ihre Seele presset
Die sie darnieder reist und fast verzweifeln lässet
Beweget wer es sieht komm bist du auch ein Stein
Du wirst zerknirschter noch als Sand im Glase seyn.
Die Kraft verlässet sie ein seufzen volles Klagen
Beraubt uns selbst der Luft; die Seufzer die sich jagen
Ersticken fast das Hertz das kaum so lange lebt
Als der so lange Blitz um uns verzehrend schwebt.
Er zischet durch das Laub durch das wir Arme fahren
Die wir bey lauter Licht dennoch verblendet waren.
Beständig hat der Strahl wohl nie so hell gemacht
Und dennoch hatten wir die allerdickste Nacht.
Die Pferde taumelten wir fielen samt den Wagen
Die Thiere wusten nicht wo Menschen hinzutragen
Bey solchen Himmels Grimm wo allenthalben Noth
Wo fast kein Weg zu sehn als dieser in den Todt.
Nicht nur das Wetter tobt' es laurten auch die Gruben
Die Löcher hier und da auf uns als solche Buben
Die ihren Halß verwirckt und stelten uns ein Bein
Wenn ja das Wetter noch zu gnädig solte seyn.
Um zwölf Uhr in der Nacht war dieser Wald zu ende;
Allein nicht die Gefahr doch hoben wir die Hände
Zu Gott im Himmel auf daß er uns noch bewacht
Da wir von Stollberg her acht Stunden zugebracht.
Wir fuhren nicht gar weit so sahen wir ein Feuer
Das von der Erden kam. Da ließ es ungeheuer
Da allenthalben Gluth! und Kälbern war der Ort
Den dieser Donner Keil entflamt und durchgebort.
Drey Häuser giengen auf und waren schon verzehret
Eh in dieselbe Stadt wir Fremden eingekehret.
Erschrockne sprachen hier bey den Betrübten ein
Und endlich kam zum Trost auch Gottes Gnaden-Schein.
Er hieß den Morgen-Stern durch seine holden Strahlen
Uns neue Freudigkeit auf unsre Stirne mahlen.
Er lachte wiederum und gab uns gleiches frey
Nur daß man bey der Lust nicht Gott vergessen sey.
Es schien auch daß der Blitz in diesen zweyen Tagen
Ein Merckmahl ins Gehirn von Gottes Krafft geschlagen
Daß wenn bey freundlich seyn man Gott nicht Vater nennt
Man als sein frommes Kind Ihn in der Noth erkennt.
Wir danckten gleich wie die so nach dem Schiffbruch landen.
Die auf dem Wall der Stadt zuerst in Sturm gestanden
Und unverletzet sind. Denn kam ein schönes Holtz
An vieler Anmuth reich an grünem Schmucke stoltz.
Biß Erfurth haben wir nichts sonderlichs erfahren
Als daß wir insgesamt voll der Gedancken waren:
Wie wechseln auf der Welt doch Blitz und Sonnenschein
Wie oft schlägt Gott den Bau der frechen Sinnen ein!
Du stoltzer Wanders-Mann dem hier auf seinen Reisen
Das Glück nur Wege soll von lauter Rosen weisen
Der keine höhre Macht als sein Verlangen kennt
Und Gott zuweilen zwar doch nur aus Wohlstand nennt
Der jenes Allmacht will nach seinem Dünckel messen
Und weils natürlich ist wohl Donner-Keile fressen
Ehr wird dein kühner Geist zur Weißheit nicht gebracht
Biß daß der Blitz in dir zwey Tage Licht gemacht.
Denn lieget die Vernunfft die über Wolcken steiget
Die weiß wie sich der Blitz durch warme Dünste zeuget
Wie Gott dabey nichts thut die alle Furcht verhönt
In Sclaven voller Angst wenn jene Stimm erthönt.
Wenn die Natur den Mund von Gottes Macht zu lehren
Mit Blitzen aufgethan mit donnern sich läst hören.
Denn zittert die Vernunfft und glaubet in der Noth
Gott schlage Sie und Ihn in ihrer Boßheit todt.
Hingegen lässest du Gott in dem Himmel walten
Und sprichst: Es wird sein Schutz mich vor Gefahr erhalten
So wird dein weiser Muth von keiner Furcht erschreckt
Die einen Nahmen hat der nach Verzweiflung schmeckt.
Ein andrer Thor mag sich in ein Gewölbe mauren
Vor dieser starcken Macht kan keine Feste dauren.
Kein Lorbeer deckt das Haupt es muß allhier allein
Der Lorbeer der uns schützt ein gut Gewissen seyn.
Ja den Gedancken kam uns Arnstadt zu Gesichte
Die angenehme Stadt die nach dem Lob-Gerüchte
Zwar klein doch sauber ist die Reinlichkeit geziert
Und wo den großen Marck die Schönheit aufgeführt.
Wir stiegen von der Post die uns dieweil wir leben
Ein Angedencken hat so schrecklich ist gegeben.
Mir fällt so oft es blitzt der Hartz-Wald wieder bey
Wo in Gefahr zuseyn und Reisen einerley.
Der uns mit dem Geschütz zwey Tage ließ begrüssen
Davor der Wald erhebt die Häuser zittern müssen
Das scharffe Kugeln führt auf alle Menschen zielt
In tausend Aengsten setzt bevor es auf sie spielt.
Gott Lob es ist vorbey. So will ich nicht mehr reisen.
Doch wer kan vor den Blitz uns eine Freystad weisen?
Wo Welt und Himmel stehn ist dieses auch gemein:
Auf Glück folgt Ungelück auf Blitzen Sonnen-Schein.