Reise über den Hartz-Wald unter lauter Donnern und BlitzenFußnoten

By Christian Friedrich Hunold

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Als mir in Phœbus-Burg in Wolffenbüttel waren

Kam schon die schwartze Glut der Wolcken hergefahren

Und dräute manche Noth Des Höchsten Stimme brach

Mit donnern in die Welt. Des Wetters Ungemach

Der Grimm der dicken Lufft das Schrecken-volle Blitzen

Schlug schon in unsern Muth wie in der Thürme Spitzen:

So rief die kühne Post: es muß gefahren seyn

Und schlagen selbst in uns des Donners-Strahlen ein.

In Kugel-Regen geht nur ein Soldat gedungen;

Und große Helden nicht als durch den Ruhm gezwungen.

Auf Posten aber muß man vor sein eigen Geld

Gantz sonder Ehr und Ruhm in ein so furchtsam Feld.

Hier war kein warten nicht die Pferde musten eilen

Als wären wir bestimmt mit Titans seinen Pfeilen

Ja mit dem Himmel selbst ein Tressen einzugehn

Und wie der Riesen Trotz uns auch zermalmt zu sehn.

Wir näherten uns so um das bey uns zu schauen

Wofür uns auch entfernt natürlich muste grauen

Wir kamen unters Dach das voller Schwefel steckt

Und harte Felsen auch durch seine Keile schreckt.

Da hörten wir nun erst uns und die Welt erschüttern

Und fühlten unser Marck vor dessen Allmacht zittern

Vor dem die große Welt aus Ehrfurcht sich bewegt

Und offt die Kleine nicht ihr hartes Hertze regt.

Gott wird mir gnädig seyn; Ich sprach: Herr und Erretter

Sprich ob es möglich sey und rede durch dein Wetter

Ob was dich nicht als Gott vorher verstockt erkennt

Da die Natur erbebt dich nicht den Schöpfer nennt?

Hier kamen Blitz und Knall zugleich herab geschossen

Uns hatte Glut und Schlag im Zircul eingeschlossen.

Ins Auge drang der Strahl so sehr wir uns verhüllt

Und das Gehirne ward mit Schrecken angefüllt.

Die Lieder hörten auf die vor die Roth gesungen

Die Angst lag Centner schwer auf Hertzen und auf Zungen.

Die Pferde fielen hin wir wurden fast versengt

Da hier die lichte Brunst den Boden aufgesprengt.

Hierauf entstund ein Sturm: gantz unter freyen Himmel

Stieß auf den matten Leib ein solches Wind-getümmel

Mit Hagel untermengt mit Schlossen Kugeln groß

Als brächen insgesamt die Elemente loß.

Gluth Hagel Wasser Wind begleiteten den Wagen

Bald trug der Sturm ihn fort bald ward er umgeschlagen.

Wir wusten nicht wohin. Es war nur überal

Um uns Egyptens Nacht und Sodoms Schwefel-Strahl.

Denn wenn der Blitz nicht mehr begunte Licht zu machen

Führt' uns die Finsternis der Höllen in den Rachen.

Ob ich bey Menschen war das wust ich eher nicht

Die Stimmen gaben denn durch Ach und Weh bericht.

Was aber sag ich viel? mehr denn acht gantzer Stunden

Hielt uns des Wetters Grimm in freyer Lufft gebunden.

Und dessen Sünden Fels hier kein Bewegen fühlt

Dem wünsch ich daß der Blitz in dem Gewissen wühlt.

Um zwey Uhr sahen wir die Wolcken hefftig fliehen

Und unsre Feinde so von ihrer Wahlstadt ziehen.

Der Unschuld weißes Kleid das alle Welt ergetzt

Zog drauf der Himmel an mit Sternen wohl besetzt.

Die Seele lobe Gott ward von uns angestimmet.

Da sah' ich wie bereits ein Pfeifgen Toback glimmet

Der zwar nichts böses ist doch wie uns der verlacht

Den die Verzweifelung vor aus sich selbst gebracht.

Ich aber wolte Gott zu erst ein Opffer bringen:

Denn wenn die Vögel auch ein holdes Dancklied fingen

Die vor im Baum gesteckt so muß der Mensch allein

Der seinen Gott nicht preißt ein schlimmer Vogel seyn.

Nun war die Noth vorbey die Nacht beklemter Hertzen

Die Sinnen konten nun in süsser Ruhe schertzen.

Der Geist ward Harffen gleich vom Arion gerührt

Wenn ihn durch Meer und Todt ein holder Delphin führt.

Die Sonne ließ ihr Gold von ferne schon erkennen

Das man nicht schöner kan als Morgenröthe nennen.

Wie freundlich dacht ich drauf der Himmel wieder lacht

Der uns mit samt der Welt vorher bald umgebracht!

Ein angenehmer Wald stieß uns darauf entgegen

Wo der Schmaragdne Glantz der Büsche kühles regen

Das Haupt bekröneten und wo der Vögel Klang

Die vor besiegte Nacht und den Triumph besang.

Wie war ich doch vergnügt! doch welche Sünden-Possen

Die aus der Spötter Mund die bey uns waren flossen!

Da stieg die Sonne hoch das Auge dieser Welt

Zu sehen wie der Mensch sich nach der Noth verhält.

Sie sah und ward erhitzt; sie schärfte Strahl und Blicke

Und stach als wolte sie des Hertzens böse Tücke

Verbrennen durch den Rock. Der Leib und das Gesicht

Die branten aber nur das böse Hertze nicht.

Sie zog ich sahe wohl viel aufwärts zu ihr fahren

Obs Sünden oder auch obs böse Dünste waren.

Doch Sodoma war froh und hatte nicht bedacht

Daß man bey klarer Lufft auch Donner-Keile macht.

Bey Stollberg sahen wir statt kaum erlebter Freuden

Den Himmel wiederum in tieffe Trauer kleiden.

Um vier Uhr nach Mittag um Auge Wald und Feld

War damahls roth und schwartz der Wolcken Heer gestelt.

Wie wenn man schädlich Wild in Wäldern denckt zu fangen

So hatte sich um uns ein dickes Garn gehangen

Da keiner nicht entläuft auf den die Strahlen nicht

Die Schützen in der Lufft ihr Feuer-Rohr gericht.

Wir fuhren von der Höh' in Stollbergs trieffe Gründe.

An – – dacht ich da die Tiefe meiner Sünde

Als gleich die Stimme kam die alle Welt erweckt

Wenn sie auch noch so sehr in Sünden Schlafe steckt.

Komm höre Felsen-Hertz wie da der Höchste wittert

Die Lufft ein Knall der dicke Wald erzittert

Der Felß so hart er auch die tief und feste Klust

Vor der Gewalt erbebt und furchtsam wieder rust.

Wie sich der Grund bewegt wie auf den ofnen Wagen

Die Strahlen uns ins Aug und ins Gewissen schlagen

Komm siehe wie die Glut die in den Abgrund fährt

Uns Mantel Haar und Haut und bald das Hertz versehrt.

Wie da das Laub versengt der Blitz die hohen Eichen

Zersplittert und zerschmeist und den geringen Sträuchen

Ob ihrer Demuth wird kein Schaden zugefügt.

Wie Bergen gleiche Furcht auf uns beständig liegt.

Denn siehe das Gesicht der Helden guter Zeiten

Die vor uns ausgelacht ob Schertz und Lustbarkeiten

Noch auf der Zunge sind ob ihre Minen frey

Und höhnisch noch bey dem was nur natürlich sey?

Vieleicht ist noch ihr Spott wenn hier die Wolcken brennen

Und sich (ach welche Glut!) mit Blitz und Hagel trennen?

Wenn bald zu unserm Todt satt Wassers sich ergießt

Der Herr im Himmel kracht und seine Strahlen schießt?

Komm schaue – – doch die Noth die ihre Seele presset

Die sie darnieder reist und fast verzweifeln lässet

Beweget wer es sieht komm bist du auch ein Stein

Du wirst zerknirschter noch als Sand im Glase seyn.

Die Kraft verlässet sie ein seufzen volles Klagen

Beraubt uns selbst der Luft; die Seufzer die sich jagen

Ersticken fast das Hertz das kaum so lange lebt

Als der so lange Blitz um uns verzehrend schwebt.

Er zischet durch das Laub durch das wir Arme fahren

Die wir bey lauter Licht dennoch verblendet waren.

Beständig hat der Strahl wohl nie so hell gemacht

Und dennoch hatten wir die allerdickste Nacht.

Die Pferde taumelten wir fielen samt den Wagen

Die Thiere wusten nicht wo Menschen hinzutragen

Bey solchen Himmels Grimm wo allenthalben Noth

Wo fast kein Weg zu sehn als dieser in den Todt.

Nicht nur das Wetter tobt' es laurten auch die Gruben

Die Löcher hier und da auf uns als solche Buben

Die ihren Halß verwirckt und stelten uns ein Bein

Wenn ja das Wetter noch zu gnädig solte seyn.

Um zwölf Uhr in der Nacht war dieser Wald zu ende;

Allein nicht die Gefahr doch hoben wir die Hände

Zu Gott im Himmel auf daß er uns noch bewacht

Da wir von Stollberg her acht Stunden zugebracht.

Wir fuhren nicht gar weit so sahen wir ein Feuer

Das von der Erden kam. Da ließ es ungeheuer

Da allenthalben Gluth! und Kälbern war der Ort

Den dieser Donner Keil entflamt und durchgebort.

Drey Häuser giengen auf und waren schon verzehret

Eh in dieselbe Stadt wir Fremden eingekehret.

Erschrockne sprachen hier bey den Betrübten ein

Und endlich kam zum Trost auch Gottes Gnaden-Schein.

Er hieß den Morgen-Stern durch seine holden Strahlen

Uns neue Freudigkeit auf unsre Stirne mahlen.

Er lachte wiederum und gab uns gleiches frey

Nur daß man bey der Lust nicht Gott vergessen sey.

Es schien auch daß der Blitz in diesen zweyen Tagen

Ein Merckmahl ins Gehirn von Gottes Krafft geschlagen

Daß wenn bey freundlich seyn man Gott nicht Vater nennt

Man als sein frommes Kind Ihn in der Noth erkennt.

Wir danckten gleich wie die so nach dem Schiffbruch landen.

Die auf dem Wall der Stadt zuerst in Sturm gestanden

Und unverletzet sind. Denn kam ein schönes Holtz

An vieler Anmuth reich an grünem Schmucke stoltz.

Biß Erfurth haben wir nichts sonderlichs erfahren

Als daß wir insgesamt voll der Gedancken waren:

Wie wechseln auf der Welt doch Blitz und Sonnenschein

Wie oft schlägt Gott den Bau der frechen Sinnen ein!

Du stoltzer Wanders-Mann dem hier auf seinen Reisen

Das Glück nur Wege soll von lauter Rosen weisen

Der keine höhre Macht als sein Verlangen kennt

Und Gott zuweilen zwar doch nur aus Wohlstand nennt

Der jenes Allmacht will nach seinem Dünckel messen

Und weils natürlich ist wohl Donner-Keile fressen

Ehr wird dein kühner Geist zur Weißheit nicht gebracht

Biß daß der Blitz in dir zwey Tage Licht gemacht.

Denn lieget die Vernunfft die über Wolcken steiget

Die weiß wie sich der Blitz durch warme Dünste zeuget

Wie Gott dabey nichts thut die alle Furcht verhönt

In Sclaven voller Angst wenn jene Stimm erthönt.

Wenn die Natur den Mund von Gottes Macht zu lehren

Mit Blitzen aufgethan mit donnern sich läst hören.

Denn zittert die Vernunfft und glaubet in der Noth

Gott schlage Sie und Ihn in ihrer Boßheit todt.

Hingegen lässest du Gott in dem Himmel walten

Und sprichst: Es wird sein Schutz mich vor Gefahr erhalten

So wird dein weiser Muth von keiner Furcht erschreckt

Die einen Nahmen hat der nach Verzweiflung schmeckt.

Ein andrer Thor mag sich in ein Gewölbe mauren

Vor dieser starcken Macht kan keine Feste dauren.

Kein Lorbeer deckt das Haupt es muß allhier allein

Der Lorbeer der uns schützt ein gut Gewissen seyn.

Ja den Gedancken kam uns Arnstadt zu Gesichte

Die angenehme Stadt die nach dem Lob-Gerüchte

Zwar klein doch sauber ist die Reinlichkeit geziert

Und wo den großen Marck die Schönheit aufgeführt.

Wir stiegen von der Post die uns dieweil wir leben

Ein Angedencken hat so schrecklich ist gegeben.

Mir fällt so oft es blitzt der Hartz-Wald wieder bey

Wo in Gefahr zuseyn und Reisen einerley.

Der uns mit dem Geschütz zwey Tage ließ begrüssen

Davor der Wald erhebt die Häuser zittern müssen

Das scharffe Kugeln führt auf alle Menschen zielt

In tausend Aengsten setzt bevor es auf sie spielt.

Gott Lob es ist vorbey. So will ich nicht mehr reisen.

Doch wer kan vor den Blitz uns eine Freystad weisen?

Wo Welt und Himmel stehn ist dieses auch gemein:

Auf Glück folgt Ungelück auf Blitzen Sonnen-Schein.