Religio Medici. Sect. 2. cap. 1. de Charitate.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Die tugend so mit recht der menschen ancker heisset

Die GOttes finger selbst die reine liebe nennt

Und derer schatten offt die größte macht umbreisset

Ists derer rötel ich nicht selten hab erkennt.

Diß was des vaters sinn in meinen hat gepflantzet

Ist dieses was mir stets nach ihrem zucker schmeckt.

Es hatte sich mein sinn in ihren wall versehantzet

Und ihre flacken stets zu meinem ziel gesteckt.

Wo die zergliederung der eignen sinnen weiset

Ein etwas das man wol mit rechte glauben mag;

So scheints als wär ich nur in ihrem land gereiset

Und anckerte nur bloß bey ihrer niederlag.

Es scheint alß wär ich gantz von ihrer hand gebohren

Alß wäre jedes glied nach ihrem sinn gemacht

Alß hätte die natur zum muster sie erkohren

Und jede zierath uns aus ihrer schooß gebracht.

Denn ich kan jede art der menschen wohl vertragen

Mein auge siehet den und jenen freundlich an.

Ich kan auch keinem nicht ein schlechtes wort versagen

Und schwere ungescheut zu treuer freunde fahn.

Mein auge zung und mund kan keinen eckel haben

Ich fühle keine gall in meinen adern nicht

Es kan mich frosch und schneck so wie lampreten laben

Mein mund ißt beydes doch als edelstes gericht.

Wenn beydes mir ein tisch zugleiche trägt und weiset

So greiffet meine hand von beyden gleiche zu

Wenn einer has’ und reh der dort phasanen speiset

Jß’t dort mein mund so wohl als hier von einer kuh.

Das kraut das bey dem grab auf todten beinen wächset

Schmeckt mir so wohl als das was in den gärten steht;

Vor dem ein zarter mund auß durst und dürre lächzet

Das schlucket meine kehl eh krafft und geist vergeht.

Seh’ ich gleich schlang und spinn und Basilisken kommen

So greiffet meine hand nach keinem steine nicht

Vor kröten habe ich die flucht noch nie genommen

Vor denen dieser doch und jener sich verkricht.

Die feindschafft so man sonst in andrer adern sindet

Hat niemahls bey mir wolln auch nur beherbergt seyn

Denn wo man haß und neid mit einem bande bindet

Da schläfft die liebe selbst in solchen windlen ein.

Frantzosen können nicht die Spanier vertragen

Doch schau ich beyde stets mit gleichen augen an

Was diese von der list und die von hoffart klagen

Das hat die feindschafft offt auch ohne recht gethan.

Ich kan in beyden ja die klugen geister rühmen

Diß was die höffligkeit an beyden vorgestellt

Wie jeder seinen fehl mit klugheit kan verblühmen

Ist was an jedem mir mit rechte wohlgefällt.

Das hertze Schlesiens hat mich zur welt gebo hren

Doch scheints als wäre ich nach jedem ort gemacht.

Ob mir zwar Breßlau ist zur mutter-stadt erkohren

So ist ein ieder ort von mir doch wehrt geacht

Ich bin nicht solch ein baum der nur in gärten grünet

Und blumen die nur bloß in weyden-erde blühn.

Ein selabe der niemand alß seinem herren dienet

Und schwalben gleicher art die vor den winter fliehn;

Ein ieder ort kan mir mein vaterland ja werden

Wo mir vergnügung legt des glückes weisen stein.

Es nährt mich jedes land und trägt mich jede erden

Und jeder ort kan mir mein wehrtes Breßlau seyn.

Ich bin bey rauhem sturm in wassers-noth gewesen

Und hasse fluth und schiff und wind und wellen nicht.

Ich habe offt bey blitz und donner doch gelesen

Mir hat kein wetter auch den schlaff und spiel vernicht.

Ich müste mich ja selbst zu einem lügner machen

Es hielte meine red und feder ja nicht stich

Wenn ich was hassen solt’ auch unter allen sachen;

Vier wörter schreib ich noch: den teuffel hässe ich.