Rinaldo

By Johann Wolfgang Goethe

Written 1811-01-01 - 1811-01-01

Zu dem Strande! zu der Barke!

Ist euch schon der Wind nicht günstig,

Zu den Rudern greifet brünstig!

Hier bewähre sich der Starke:

So das Meer durchlaufen wir.

O laßt mich einen Augenblick noch hier!

Der Himmel will es nicht, ich soll nicht scheiden.

Der wüste Fels, die waldumwachsne Bucht

Befangen mich, sie hindern meine Flucht.

Ihr wart so schön, nun seid ihr umgeboren,

Der Erde Reiz, des Himmels Reiz ist fort.

Was hält mich noch am Schreckensort?

Mein einzig Glück, hier hab ich es verloren.

Stelle her der goldnen Tage

Paradiese noch einmal,

Liebes Herz! ja, schlage, schlage!

Treuer Geist, erschaff sie wieder!

Freier Atem, deine Lieder

Mischen sich mit Lust und Qual.

Bunte, reich geschmückte Beete,

Sie umzingelt ein Palast;

Alles webt in Duft und Röte,

Wie du nie geträumet hast.

Rings umgeben Galerien

Dieses Gartens weite Räume;

Rosen an der Erde blühen,

In den Lüften blühn die Bäume.

Wasserstrahlen! Wasserflocken!

Lieblich rauscht ein Silberschwall;

Mit der Turteltaube Locken

Lockt zugleich die Nachtigall.

Sachte kommt! und kommt verbunden

Zu dem edelsten Beruf:

Alle Reize sind verschwunden,

Die sich Zauberei erschuf.

Ach, nun heilet seine Wunden,

Ach, nun tröstet seine Stunden

Gutes Wort und Freundesruf.

Mit der Turteltaube Locken

Lockt zugleich die Nachtigall;

Wasserstrahlen, Wasserflocken

Wirbeln sich nach ihrem Schall.

Aber alles verkündet:

Nur sie ist gemeinet;

Aber alles verschwindet,

Sobald sie erscheinet

In lieblicher Jugend,

In glänzender Pracht.

Da schlingen zu Kränzen

Sich Lilien und Rosen;

Da eilen und kosen

In lustigen Tänzen

Die laulichen Lüfte,

Sie führen Gedüfte,

Sich fliehend und suchend,

Vom Schlummer erwacht.

Nein! nicht länger ist zu säumen,

Wecket ihn aus seinen Träumen,

Zeigt den diamantnen Schild!

Weh! was seh ich, welch ein Bild!

Ja, es soll den Trug entsiegeln.

Soll ich also mich bespiegeln,

Mich so tief erniedrigt sehn?

Fasse dich, so ist's geschehn.

Ja, so sei's! Ich will mich fassen,

Will den lieben Ort verlassen

Und zum zweitenmal Armiden. –

Nun, so sei's! so sei's geschieden!

Wohl, es sei! es sei geschieden!

Zurück nur! zurücke

Durch günstige Meere!

Dem geistigen Blicke

Erscheinen die Fahnen,

Erscheinen die Heere,

Das stäubende Feld.

Zur Tugend der Ahnen

Ermannt sich der Held.

Zum zweiten Male

Seh ich erscheinen

Und jammern, weinen

In diesem Tale

Die Frau der Frauen.

Das soll ich schauen

Zum zweiten Male?

Das soll ich hören

Und soll nicht wehren

Und soll nicht retten?

Unwürdige Ketten!

Und umgewandelt

Seh ich die Holde;

Sie blickt und handelt

Gleichwie Dämonen,

Und kein Verschonen

Ist mehr zu hoffen.

Vom Blitz getroffen

Schon die Paläste!

Die Götterfeste,

Die Lustgeschäfte

Der Geisterkräfte,

Mit allem Lieben,

Ach, sie zerstieben!

Ja, sie zerstieben!

Schon sind sie erhöret,

Gebete der Frommen.

Noch säumst du zu kommen?

Schon fördert die Reise

Der günstigste Wind.

Geschwinde, geschwind!

Im Tiefsten zerstöret,

Ich hab euch vernommen;

Ihr drängt mich zu kommen.

Unglückliche Reise!

Unseliger Wind!

Geschwinde, geschwind!

Segel schwellen.

Grüne Wellen,

Weiße Schäume,

Seht die grünen

Weiten Räume,

Von Delphinen

Rasch durchschwommen.

Wie sie kommen!

Wie sie schweben!

Wie sie eilen!

Wie sie streben!

Und verweilen

So beweglich,

So verträglich!

Das erfrischet,

Und verwischet

Das Vergangne.

Dir begegnet

Das gesegnet

Angefangne.

Das erfrischet,

Und verwischet

Das Vergangne.

Mir begegnet

Das gesegnet

Angefangne.

Wiederholt zu dreien.

Wunderbar sind wir gekommen,

Wunderbar zurückgeschwommen,

Unser großes Ziel ist da!

Schalle zu dem heiligen Strande

Losung dem Gelobten Lande:

Godofred und Solyma!