Ritogar und Wanda.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Hügel des weissen Gesteins, der schaurigrau-

schenden Eiche

Grauer Nährer; du bist mir lieb vor deinen Ge-

sellen.

Lockender winkt mir dein kaltes Gestein, als mein

schwellendes Lager.

Weicher umschmiegt mich dein duftendes Moos.

Dein Säuseln und Flistern

Lullet in tiefes Staunen mich ein. Wenn der Schat-

ten des Waldes

Dämmerung um dich strömt, wenn kläglich seuf-

zend der Nachtwind

In den ergrauenden Locken dir wühlt, auf den

Gipfeln der

Schweigend der Vollmond ruht und deine Wangen

beglänzet —

Welche Wonne sodann, im Rauschen der Eich',

in des Vollmonds

Dämmerscheine zu sitzen im Ringe des alternden

Maales!

Welche Wonn', im Rauschen des Waldes, im däm-

mernden Mondlicht,

Eingewiegt auf duftendem Moos' in luftigen Schlum-

mer,

Unterzutauchen in lieblichen Traum und in trunkne

Gesichte!

Steigen seh' ich die Heldenschatten aus schlummern-

den Maalen,

Sehe sie zucken das Schwert, und den Schild em-

pören, und höre

Tosen die Berg' und den Wald von der Kämpfer

Geschrey, von der Sieger

Wildem Frohlocken, der Sinkenden Ächzen, dem

Jammer der Mädchen.

Plötzlich erwach' ich. Ich raffe mich auf. Die

nichtigen Schatten

Schwinden in Luft. Es rauscht und stöhnt im

Wipfel der Eichen,

Dass das Haar sich leise mir hebt, und Schauder

mich schütteln.

Tausendjähriger Stein, wen deckst du? Welchem

Gefallnen

Thürmet das ehrende Maal? — Was frag' ich? —

Verwittert, zerstoben

Ist der Helden Gebein in die Luft. Die Winde des

Himmels

Kriegen um ihren Staub. Vertilgt vom Antlitz der

Erde

Ist der Namen Gedächtniss sogar. Auf ewig ver-

hallt ist

Jeder Gesang von ihnen, erstummet jegliche

Klage.

Tochter

bitterer Unmuth

Über der Helden herbes Geschick. Die tückische

Norne

Seh' ich zucken den blutigen Dolch; die zitternden

Schatten

Seh' ich mit funkelndem Stahl sie scheuchen bis hart

an des Abgrunds

Schwarzaufstarrenden Saum. Wie beben, wie

schauern die Blassen

Bange zurück! Ist denn keiner vorhanden, der Mäch-

tigen keiner,

Welcher beschwöre der Wütherin Grimm, mit dem

Zauber des Liedes

Ihre Wuth entwaffn', und erlöse die flehenden

Schatten?

Tochter Sulvills, mir flammet die Seele. Das

Licht des Gesanges

Fühl' ich erwachen in mir. Von der Eiche seufzen-

dem Aste

Reiche die Harfe mir her, die schwachbesaitete.

Dennoch

Ward es der Schwachen schon öfter vergönnt, die

hungrige Norne

Einzulispeln in seligen Schlaf und den Raub ihr zu

rauben.

Also sey es auch itzt mir vergönnt, der Räuberin

Krallen

Abzujagen ein wackeres Paar, dich König der

Inseln,

Muthiger

Wanda.

Über die Inseln des Meers, entlang die Küsten

der Ostsee,

Von der Trebel Blumengestad' bis zur reissenden

Weichsel,

Herrschte die heilige Kraft des Helden Ritogar.

König

War er der Wilzen, der Wenden, der Tartsche-

schwingenden Guten,

Und der tausend Stämme der Rugen. Auf hoher

Arkona

Hielt er Hof, genoss dort schwererrungener

Ruhe.

Wohl behagte dem rüstigen Krieger die Musse

des Friedens.

Freundlich umfing ihn die schmeichelnde Ruh nach

Fehden und Schlachten.

Täglich genoss er der Freuden der Jagd in der krei-

digen Stubnitz.

Täglich in Rügens hundert Forsten. In dämmern-

der Frühe

Macht' er sich auf zu Verfolgung des Wolfs und

des Keulers. Zu Abend

Kehrt' er beutebelastet zurück zur strahlenden

Halle,

Wo das stärkende Mahl ihn erharrt', und der

schäumende Becher.

Doch bald däuchte die strahlende Hall' ihm so

weit und so öde,

Ihm so einsam das nächtliche Lager. Holde Ge-

bilde

Schwebten oft um ihn im lieblichen Traum; von

zärtlichen Armen

Wähnt' er sich oft umschlungen, und oft von

schwatzenden Kleinen,

Die, erklimmend sein mächtiges Knie, in den Locken

ihm spielten.

Flammend rollte das Blut in des Jünglings Adern.

Gewaltig

Schlug ihm das Herz. Doch war er keusch nach

der Sitte der Deutschen.

Nicht verlockt' ihn die Flamme der Jugend zu fre-

chem Gelüsten,

Nicht der Buhlerin lüsterner Blick, noch der Un-

schuld Erröthen.

Ihm zu kiesen ein holdes Weib aus den Töchtern

der Edlen,

Sandt' er seine Vertrauten umher. Ihm lächelt

Von der Warne. Ihm winkte die weisse

vom Elbstrom.

Keine vermochte sein Herz zu rühren. Die Weich-

sel herüber

War es erschollen von

kus, wie huldreich,

Und wie reizend sie sey, wie Mayluft lieblich,

wie Veilchen

Ihre Augen, ihr Haar wie der Lilie goldene

Fäden.

Ritogar hatte Boten gesendet dem Fräulein von

Krakow,

Dass sie ihr Frieden und Gruss entböten, das Zepter

der Rugen,

Und des Rugenköniges Herz. Mit stürmender Sehn-

sucht

Harrt' er der kehrenden Boten; kaum dass die Jagd

und der Becher

Ihm die langsam schleichende Zeit zu beflügeln

vermochten.

Neunzehn Tage verflossen. Die Boten kehrten.

Willkommen,

Hiess sie der harrende König. „Willkommen! Nun

eilet und sagt mir,

„was mir Wanda entbeut, der Lechen Tochter

und Fürstin.“

„wanda entbeut dir Frieden und Gruss, und

Segen von Wodan

„deinen Waffen. Allein dein Herz und das Zepter

der Rugen

„darf sie nicht theilen. Sie weiht ein Gelübde zur

ewigen Jungfrau.“

„sie ein Gelübd'? So gelob' ich bey Thor und

Mannus und Hertha,

„und dem tausendbucklichten Schilde des eisernen

Wodan,

„nicht zu rasten, zu strafen die Stolze, mit mäch-

tigem Arme

„sie zu erfassen, sie, fliegenden Haars, mit zerris-

senem Schleier

„in mein Schlafgemach zu führen, ein niedriges

Kebsweib.“

Fürchterlich flammte der Grimm des Königs;

furchtbar sein Eidschwur.

Nah und fern, auf den Inseln des Meers, an den

Küsten der Ostsee,

Von der Trebel Blumengestad' bis zum Strande der

Oder

Wurden die Sassen entboten zu Ross und zu Fuss.

Sie kamen,

Rott' an Rotte, wie Schauer mit Schauern in

schlossender Herbstzeit

Wild sich jagen, herangeschwärmt die hohe

kona.

Alle Krieger kamen des quellenströmenden

mund;

Alle Söhne des meerumdonnerten

Sandte die lockenumwölkten Streiter. Die Jäger der

Wölfe

Sandte die

niz. Hoch vom Rugard

Braust' ein gewaltiges Heer, wie der Strom, den der

schmelzende Schnee schwellt.

Wie in Tagen des Herbst, wenn der Wald

verwelkt und die See starrt,

Zu verreisen in mildere Zonen, sich Kraniche

rotten:

Also rotteten sich die Rugen zur hohen Ar-

kona.

Wie die weitgeuferte Donau mit wachsenden Was-

sern,

Erst ein Säugling, nur Wiesen wässert, weidende

Lämmchen

Tränkt, den ermatteten Wandrer erquickt, bald

aber, ein Jüngling,

Königsstädte beströmt, und Kaiserthümer durch-

wandelt;

Rings, wohin der Starke sich wälzet, reisst er die

Nymphe

Jedes begegnenden Stroms in sein Bett, und stürmt

und stürzet

Endlich mit allen, ein Meer, in das Meer aus

tausend Urnen:

Also brauste durch Länder und Reiche des Zürnen-

den Heersmacht;

Also wuchs im wälzenden Laufe der schwellende

Kriegszug.

Also stürmt' und stürzt' er gewaltig ins Land der

Sarmaten.

Nicht zu steuern vermochte das Land dem ver-

derbenden Einbruch.

Weitauf dampft' es in Blut und in Asche. Der

Saaten, der Wälder

Lohe stieg himmelempor in wirbelndem Rauche.

Zu Krakow

Sah man die Loh' und den Rauch. Ihn sah das

zitternde Fräulein.

Eine Thräne weinte die Holde dem Elend der

Treuen,

Wischte schleunig die Thräne hinweg, die glänzen-

den Locken

Deckte sie mit dem Helm, mit dem schuppigen

Panzer den Busen.

Also zog sie einher vor dem todeschleudernden

Heerzug:

Also funkelt' ein freundlicher Stern am Saum des

Gewitters.

Ritogar hörte: „Sie kommt! Es kommt die

fürstliche Jungfrau!“

Freude durchzuckte sein stürmisches Herz, wie Blitz

durch die Nacht zuckt.

Bald zu kühlen gedacht' er die Brunst der Lieb' und

der Rache.

Nacht sank nieder ins Thal, den arbeitseligen

Menschen

Ruhesäuselnd, den Kummer beschwichtigend, mil-

dernd die Sorgen.

Stirn' an Stirne lagen die Heere der Rugen und

Lechen,

Weitgestreckt, von der Fette des Landes schwel-

gend. Ein Bächlein

Sonderte sie. Die Feuer des Lagers durchflammten

das Dunkel

Roth und grausig. An einer der halbverloderten

Eichen

Hatte sich Ritogar niedergestreckt, das Haupt auf

dem Schilde.

Ihn umflügelten Schlummer und Traum. Es daucht'

ihm, er ruhe

Neben dem Fräulein von Krakow auf bräutlichem

Lager; und wann er,

Sie zu umfassen, die Arm' ausstreckte, so waren die

Arme

Welk ihm und schlaff, und wann er mit freundli-

chen Worten ihr kosen

Wollte, so war ihm die Zunge gelähmt. Urplötz-

lich beströmte

Blut das Lager. Urplötzlich begann er zu sinken,

und immer

Tiefer sank er, und immer umnachtender, grausiger,

düstrer

Engt' er sich ein. Da kamen sein Vater, und seines

Erzeugers

Vater, und grüssten ihn „Sohn!“ und „Willkom-

men!“ Plötzlich erwachend

Rafft' er sich auf aus dem nichtigen Traum. Rings

um ihn im Lager

Waren die Feuer erloschen. Tief Dunkel war um

ihn. Der Halbmond

Blickte hervor aus düsterm Gewölk', um auf immer

zu scheiden.

Ängstlicher ward das Schweigen, die Stille stiller.

Dem Helden

Schauerte leis', und es wehet' ihn an, wie Geister-

geflister.