Ruhestatt der Liebe /oderDie schooß der geliebten.Fußnoten

By Johann von Besser

Written 1691-01-01 - 1691-01-01

Bey diesen brennenden und schwülen sommer-tagen

Ließ Chloris sich einmahl in ihren garten tragen

Und suchte vor dem brand der sonnen eine klufft

Von kühler witterung und schattenreicher lufft.

Sie setzte sich erhitzt bey einem baume nieder

Und streckte bald darauff die perlen-volle glieder

In das noch frische gras geruhiger zu seyn

Und schlieff auch wie sie lag halb von der seiten ein.

Ihr alabaster-leib war nur mit flor bekleidet

Und weilen man den zwang nicht bey der hitze leidet

Ward ihre blosse brust im grünen klee gespürt

Die zur gemächligkeit sie eben auffgeschnürt.

Der sanffte westen-wind bereit sie abzukühlen

Ließ seinen othem gleich auff diese wellen spielen

Und bließ mit stillem hauch bey ihrer süssen ruh

Ihr aus der floren hand die weichsten blumen zu.

Es wiegte gleichsam sie sein angenehmes weben;

Doch als er sich bemüht den leichten rock zu heben

Riß endlich unversehns von der gestreckten schooß

Der vorgeschürzte flor mit seinem gürtel los.

Hilf himmel welcher schmuck! was süsse wunderwercke

Der schönheit gröste pracht mit aller ihrer stärcke

Der Liebe paradieß ward hier uns auffgedeckt

So Chloris uns bißher zur sicherheit versteckt.

Das liebste das man kennt und doch sich scheut zu nennen

Weil auch das blosse wort uns schon vermag zu brennen

War hier insonderheit gantz ungewöhnlich schön

Und ließ sich auch vor stoltz hoch auffgebrüstet sehn.

Es lag wie ein castell von marmor auffgeführet

In einem liljenthal den seine gegend zieret

Des eingang von rubin und gantze lager-statt

Nichts als ein schatten-werck von myrthen um sich hat.

Es sah von forne zu (hier fehlt der beste pinsel)

Als wie ein grotten-haus wie jene morgen-insel

Wo die glückseligkeit den tag zuerst beschaut

Und wo die nachtigall in lauter rosen baut.

Die zwo von helffenbein so rund gewölbten hüffte

Verdeckten diesen sitz als ein paar gleiche klüffte

Durch deren schutz kein sturm auff das gestade streicht

Und dieses lust-revier dem steten sommer gleicht.

Kein apffel kan so frisch sich an dem stengel halten

Kein purpur-pfirsig ist so sanfft und zart gespalten

Kein kleiner raum der welt hat so viel überfluß

Als in der Chloris schooß der weisse nabel-schluß.

Die sonne selbst verliebt in so viel zierlichkeiten

Vergaß dem ansehn nach im lauffe fortzuschreiten

Und drung sich durch das laub mit hilfe von dem west.

Die vögel hielten es für ein geblümtes nest.

Die brunnen wollten sich durch diesen garten winden

Die blumen glaubten hier ihr blumen-feld zu finden

Die Nymphen waren selbst wie halb darein vernarrt

Und Zephyr küst es kaum so fand er sich erstarrt.

Der treue Celadon dem sie zuvor entwichen

War ihr ganz unvermerckt von ferne nachgeschlichen

Und ward des schönen blicks so zeitig nicht gewahr

Als er zugleich empfand die schlüpffrige gefahr.

Die liebe hieß ihn erst zwar seyne Chloris ehren;

Doch wolte sie ihm auch als liebe nichts verwehren;

Und wie sie uns entzückt zu dem geliebten trägt

Hat selbst sie seine Hand an Chloris leib gelegt.

Er zuckt und bebete wie leichte feder-flocken

So sehr er es verlangt so war er doch erschrocken.

Er tappte wie ein mensch bey dicker finsterniß

Und wagte nicht die hand wohin sie doch sich riß.

Was halff ihm alle furcht vor dem geliebten weibe?

Die finger glitten aus auff dem polirten leibe

Und rollten mit gewalt vor das gelobte land

Das eine hole faust in allem überspannt.

Du armer Celadon wie wurdest du betrogen!

Du wärest fast von glut und flammen auffgeflogen

Wo du der finger brand zu kühlen hingesetzt

Und was du aus der form für einen spring geschätzt.

Du fühltest zwar nur samt und lauter weiche seide

Du hattest in der hand den brunnquell aller freude;

Wo die ergötzligkeit von milch und honig rinnt;

Doch dessen sanffte flut mehr als der schwefel zündt.

Es war der kleine brunn die funcken-reiche stelle

Wo Aetna feuer holt: die wunder-volle qvelle

Wo Heclens flammen-fluß aus schnee-gebirgen qvillt

Und der dem Celadon die adern angefüllt.

Er wuste nicht was er vor hitze sollt beginnen;

Er fieng wie weiches wachs vor ohnmacht an zu rinnen

Und hätt ich weiß nicht was vor raserey vollbracht

Wenn Chloris nicht davon zum unglück auffgewacht.

Sie stieß noch voller schlaffs mit ihren beyden händen

Den frembd- und kühnen gast von ihren weissen Lenden

Der ihre zarte schooß durchwühlet und verheert

Und sprach als sie ihn sah: du bist des stranges werth.

Hilff himmel? was ist das? Hast du den witz verlohren?

Ist diß die stete treu die du mir zugeschworen?

Hast du der Chloris zorn so wenig denn gescheut

Daß du auch freventlich ihr heiligthum entweyht?

Daß du! welch eine that! – – sie konte nicht mehr sprechen

Und wolte sich an ihm mit ihren thränen rächen.

Sie sprang mit ungestüm von ihrem Lager auff

Und eylt aus seinem arm durch einen strengen lauff.

Alleine Celadon fiel gleich zu ihren füssen

Und wuste selbige so fest an sich zu schliessen

Daß sie was sie auch that bey ihm darnieder sanck

Und er sie zum gehör nach vielen klagen zwang.

Er lag sie haltende vor den erzürnten knien

Und sprach: Mein fehler wird zu groß von dir beschrien.

Ich bitte durch den brand der meine seele plagt

Durch jene Demmerung die um dein auge tagt

Durch deine tulpen-schooß durch deine nelcken-brüste

Durch die von beyden mir noch unbekandten lüste

Durch deine schöne hand die mich jetzt von sich stößt?

Was hab ich denn verwürckt das zephyr dich entblößt?

Daß ich es mit beschaut was dessen hauch verübet

Daß ich es angerührt was erd und himmel liebet

Was selbst der Götter mund begierig hat geküst

Und was der inbegriff von deiner schönheit ist.

Es ist ja deine schooß der auszug aller zierde

Der enge sammel-platz der schmeichelnden begierde

Das rund wo die Natur zusammen hat gedrängt

Was sich nur reitzendes den gliedern eingemengt.

Hier ist der kleine schatz der deinen reichtum zeiget

Der lebendige thron der alle scepter beuget

Der süsse zauber-kreyß der unsern geist bestrickt

Und deß beschwehrungs-wort die felsen auch entzückt.

Ach! Chloris woltest du daß ich gewichen wäre!

Bedencke doch die schmach und deiner schönheit ehre.

Ich hätte ja die macht der liebligkeit verhöhnt

Wenn ich nicht deine schooß mit meiner hand gekröhnt.

Kann Phrynens blosse brust des richters zunge lähmen

Wie soll nicht deine schooß uns unser hertze nehmen?

Wird man durch einen blick der Gorgonen zum stein

Wer kan unauffgelöst bey deiner allmacht seyn?

Wer ein gefühle hat und hier doch nicht empfindet

Wen der gedancke nur nicht alsobald entzündet

Wer diesem schooß-altar zu opffern nicht begehrt

Der ist viel billiger des engen stranges werth

O möchtest du einmahl was wir die liebe nennen

Mehr nach den würckungen als nach dem namen kennen!

Du würdest für den zorn mir willig zugestehn

Man könne sonder raub hier nicht zurücke gehn.

Die Chloris hatte noch bey allen diesen klagen

Noch nicht vor scham und grimm die augen aufgeschlagen;

Doch sah sie endlich ihn von einer seiten an

Wodurch er neuen muth zu ihrer huld gewann.

Er suchte sie darauff mit rechten weißheits-gründen

Und selbst aus der natur zum beyfall zu verbinden:

Daß alles was nur lebt was nur die liebe zwingt

Nothwendig zu der schooß als seiner ruhstatt dringt.

Es hat selbst die natur sprach er dafür gestritten

Nachdem sie es gesetzt recht in des leibes mitten;

Wo dieser mittelpunct der kleinen wunder-welt

Auch den geheimen zug des punctes in sich hält.

Gleichwie ein iedes ding zu seinem circkel eilet

Der stein nicht in der lufft zu lange sich verweilet

Das feuer rüstig fleucht erlassen in die höh'

Und ieder fluß verläufft in seine mittel-see:

So wird vielmehr zur schooß dem mittel-punct im lieben

Was geist und othem hat durchdringend angetrieben.

So grimmig ist kein bär hier hält er keinen stich

Ihn reist der kleine punct so wild er ist zu sich.

Das schuppen-vieh im meer was hilfft sein schnelles schwimmen?

Es muß durch diesen zug doch aneinander klimmen;

Der vogel in der lufft ist schichtern schlau und leicht

Doch siehst du wie ihn stets das weibgen nach sich zeucht.

Vor allen aber hat der mensch den trieb empfangen

Und unsere vernunfft vermehret das verlangen;

Die auch viel eyfriger nach dieser heymat strebt

Und sich nicht eh vergnügt als biß man daran klebt.

Wie der magnet mit macht das eisen an sich ziehet

Wie nach dem norden-pol die nadel schlägt und siehet

So ist der liebsten schooß der nord und der magnet

Wohin der gantze wunsch wahrhaffter menschen geht.

Man sagt: die Venus sey ihr wesen zu verstellen

Nicht nach gemeiner art besondern aus den wellen

In einer muschel helm empfangen und gezeugt

Wo sie des meeres schaum gewieget und gesäugt.

Wer glaubet solches nicht der Venus thun erweget?

Weil aber eine schooß der muschel bildniß träget

Glaub ich daß Venus gar was sie ans licht gebracht

Hernach zu einer schooß der gantzen welt gemacht.

Daß als die herrscherin ihr muschel-schiff verlassen

Sie aller menschen hertz in diesen schrein zu fassen

Die muschel in die schooß der weiber eingeschrenkt

Und sich nachgehends selbst zur wohnung nachgesenckt.

Wenn diesem also ist wie wir es glauben müssen

Kein wunder daß uns denn die schooß zu sich gerissen

Wo alle reitzungen wo Venus und ihr kind

Die liebe ja wir selbst mit ihr gebohren sind.

Kein wunder daß man wünscht in dieser muschel-wiegen

Weil sie darinnen wohnt der Venus beyzuliegen

Daß man die liebe sucht wo ihre lager-statt

Da wo dies kleine schild ihr hauß bezeichnet hat.

Die liebe will auch sonst sich nirgends lassen dienen

In dieser hölen ist sie eintzig uns erschienen

Diß ist der Götter-hayn wo sie sich offenbahrt

Und unser hertz zugleich erforschet prüfft und paart.

Weil die natur das hertz in uns verdecken wollen

Wie hätten wir es doch iemahls erkennen sollen

Wofern die liebe nicht die schooß darzu ersehn

Das unsichtbare hertz durch wercke zu verstehn?

So aber können wir es höchsterwünscht ergründen

Was nicht das auge sieht läßt uns die schooß empfinden;

Anstatt sich nur zu sehn so spührt man das gemüth

Und siehet durch die that was nicht das auge sieht.

Wenn denn ein treues paar in süsser glut entglommen

Und deren seelen nun zusammen wollen kommen

Bescheiden sie sich nur an den bestimmten ort

Und dieses schifflein setzt sie über an den port.

Da sprechen sie sich denn da lernen sie sich fühlen

Da wissen sie im fleisch zu brennen und zu spielen

Biß der versteckte leim aus allen adern schäumt

Und den vermischten geist gar aneinander leimt.

Ach Chloris die du rühmst du habest mich erwehlet

Woraus erkenn ich es wenn du mir das verheelet

Was die natur uns selbst zur ruhestatt gesetzt

Und wornach man allein der liebe warheit schätzt?

Ein freund ist nicht ein freund der uns was kan verhalten

So lang er uns mit sich nicht läst nach willen schalten;

So lange hat gewiß die liebe nichts gethan

[Als sie nicht alles gibt was sie nur geben kan.]

Du aber hast mir gar den besten theil entzogen

Dein leib weiß nichts davon daß mir dein hertz gewogen

Das hertze sieht man nicht der leib muß zeuge seyn

Wem glaub ich? du sprichst ja und deine schooß spricht nein.

Was hab ich im voraus vor andern die dich kennen?

Liebstu mich nicht genug mir diß von dir zu gönnen?

Ich bin im eigenthum ein unbekandter gast

Und für wen sparestu das liebste das du hast?

Du wirst doch diesen schatz nicht für dich selbst vergraben;

Wie oder soll es gar ein ander als ich haben?

Nein Chloris höret mir dein hertze wie man spricht

So wehre mir denn auch des hertzens eingang nicht.

Er fuhr voll eyffers auff um dieses unrechts willen.

Doch Chloris wuste bald ihn wieder zu bestillen;

Sie zog nunmehr erweicht nach dem bezeugten haß

Den ausgesöhnten feind mitleidig in das graß.

Man meint: daß weil er sich bescheiden überwunden

Der Chloris schooß gesehn und einmahl bloß gefunden

Die Götter ihn hieher auch wunderbar gebracht

Sie endlich seiner treu beständigkeit bedacht;

Sie endlich ihn getröst nach seynem langen leiden

So daß auch dessen glück die gegend wollen neiden;

Sie aber nach der zeit wenn ihnen was gefehlt

Dies süsse sorgen-grab zur linderung gewählt.