Sang der Thüringer Tannen

By Karl Henckell

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Hoch aus Thüringer Tannen

Saust ein Sang:

„Zeiten verrannen,

Ewig währt lang.

Sahn seit tausend Jahren

Viele schon

Weltwald durchfahren,

Karren und Thron.

Prachtschimmernde Kaiser

Reiten stolz,

Armenkinder Reiser

Raffen, Hungerholz.

Goldene Zepter fielen,

Zapfen gleich –

Sturmwinde spielen

Mit arm und reich.

Mächtige Sturmwinde fegen

Volk und Land,

Wesen sich regen,

Blitzverwandt.

Forschende Menschenköpfe

Schaffen Licht:

Wirkende Geistgeschöpfe

Wandeln das Erdgesicht.

Wütende Kämpfe rasen

Immerfort,

Schalmeien blasen

Mitten durch Mord.

Milde Schalmeien schallen

Hell und klar,

Wahnfesten fallen –

Das ist wahr.

Wie die morschen Ruinen

Auf den Höhn,

Wo die Eisenschienen

Vorübergehn.

Eiserne Schienen spannen

Weit ihr Netz

Über die höchsten Tannen –

Menschenkraft ist Gesetz.

Weltverkehr ist das Zeichen,

Blitz das Band,

Fichte und Palme reichen

Sich die Hand.

Mensch will Mensch sich verbinden,

Fremder Haß

Mählich verwinden –

Wahr ist das.

Droht noch roher Gewalten

Urkraftgroll –

Feiner will sich entfalten,

Was wachsen soll.

Die sich mühen in Tiefen,

Die da frei

Wirken im Licht, sie riefen:

Not geht vorbei!

Nicht demütig hinkeuchen,

Sei das Los!

Knechtschaft kühn verscheuchen,

Macht das Leben groß.

Luft und Lichtung bereiten

Junger Saat,

Daß die Zweige sich weiten

Hoch und grad.

Bis die Wachstumsgenossen,

Lichtgekrönt,

Wahren Bund geschlossen,

Zwist versöhnt.

Bis ein heiliges Rauschen

Alles eint,

Wodans Raben lauschen,

Und der leuchtende Siegfried der Welt erscheint.“