Schön Sidselil und Ritter Ingild. Altdänisch .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Schön Sidselil schnürte sich so knapp und

schlank,

Dass ihr die Milch aus den Brüsten sprang.

„was seh ich, herzliebes Töchterlein!

„dir spritzt ja die Milch aus den Brüsten dein!“

„es ist nicht Milch, was den Busen mir nässt.

„es ist vom Meth, den ich eben gepresst.“

„lehre du mich kennen Milch und Meth!

„ist braun denn die Milch und weiss der Meth?“

„ach Mutter vergebt, Herzmutter verzeiht!

„ritter Ingild, der Wackre, hat um mich gefreyt.“

„ritter Ingild, der Kecke, thät um dich

freyn?

„was gab er dir denn für die Ehre dein?“

„er gab mir ein rothseidenes Kleid.

„ach, aber ich trug es mit Jammer und Leid.

„er gab mir ein Paar silberspangige Schuh.

„ach aber, sie la'n mir nicht Rast noch Ruh.

„er gab mir eine Harfe von Gold,

„die meinen Jammer beschwichtigen sollt.

„nun, Tochter, ich schwöre beym heiligen

Gott!

„ihr beyde müsst sterben den schmählichsten Tod.

„ritter Ingild muss hangen hoch oben auf Gaal,

„und brennen musst du tief unten im Thal.“

Schön Sidselil nahm ihre Harfe gut,

Zu schwichtigen ihren traurigen Muth.

Sie schlich wohl hin im Mondenschein

Vor Ritter Ingilds Kämmerlein.

Sie schlug die lispelnden Saiten an,

Zu wecken den schlafenden Rittersmann.

Sie schlug die Saiten rauschender an;

Noch säumte der traurende Rittersmann.

Sie lispelte leise zum Schlüsselloch 'nein:

„wach auf, Ritter Ingild, und lass mich ein.“

„ich bin noch so müde. Ich schlief erst ein.

„ich stehe nicht auf, und lasse nicht ein.“

„ritter Ingild steh auf, und lass mich ein.

„ich habe gesprochen mit Mutter mein.

„sie hat mir geschworen beym heiligen Gott,

„wir müssten sterben den schmählichsten Tod;

„du müsstest hangen hoch oben auf Gaal,

„und brennen müsst' ich tief unten im Thal!“

„nein, Liebchen, du sollst nicht brennen für mich;

„und ich, ich will nicht hangen für dich.

„geh eilend, und nimm dein Gold aus dem

Schrein,

„derweile ich sattle den Rappen mein.“

Er warf ihr über den Mantel blau,

Und hob sie auf seinen Rappen grau.

Sie ritten so rasch, sie ritten so lang;

Schön Sidselil ächzte so, schwer und bang.

„schön Sidselil, wird dir der Weg zu lang,

„oder macht mein Sattel dir weh und bang?“

„ritter Ingild, der Weg wird mir nicht lang;

„doch macht dein Sattel mir angst und bang.“

Er hob sie herunter vom dampfenden Ross

Und legte sie sanft ins weiche Moos.

„wie wird mir — hilf Himmel — es würgt

mich schier.

„ach hätt' ich nur eine meiner Frauen bey mir!“

„deine Frauen sind weit, so weit von hier.

„ich aber bin bey dir, und helfe dir.“

„dir ziemt nicht zu schauen der Kreissenden Noth.

„viel lieber sterb' ich den bittern Tod.“

„verbinde mir, Traute, die Augen mein,

„und lass mich deine Weisemutter seyn.“

„wie wird mir — hilf Himmel — verschmacht'

ich doch schier!

„ach hätt' ich nur Einen Trunk Wassers hier!“

Ritter Ingild war ihr so hold und treu.

Er nahm ihren silberspangigen Schuh.

Er rannte weit hin zum klaren Born,

Durch Sumpf und Busch, durch Distel und Dorn.

Er schöpfte des Wassers, er rannte daher.

Eine Nachtigall sang ihm traurige Mähr.

„schön Sidselil liegt todt im seidenen Moos,

„ihr liegen zween holde Knäblein im Schooss.“

Er achtete nicht auf den traurigen Sang;

Er rannte den dumpfigen Anger entlang.

Und als er kam, wo Schön Sidselil lag,

Da ward er gewahr, was die Nachtigall sprach.

Schön Sidselil lag todt im seidenen Moos,

Ihr lagen zween todte Knäblein im Schooss.

Er grub ein Grab so tief, als breit,

Und legte seine drey Lieben bey Seit.

Und als er stand hoch über dem Grab,

Da däucht' ihm, als weinten die Kindlein im Grab.

Er stemmte sein Schwert wohl gegen den Stein,

Und stiess es sich tief ins Herz hinein.

Schön Sidselil war ihm so hold und treu;

Nun schlafen beysammen die Liebenden zwey.