Schöne Tage

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

O wie segn' ich euch, ihr Tage,

Die ihr reich und reicher blühend

Still durch Hain und Garten wandelt!

O wie segn' ich euch, ihr blauen,

Duft'gen, tiefgestirnten Nächte!

O wie segn' ich dich, o Erde,

Die zu solchem Glück mich nährte,

Dich, o Himmel, den ich atme!

Ach, schon wähnt' ich fast erkaltet

Dieses Herz und wollte männlich

Mit dem schwer erkauften Schatze,

Mit der Weisheit, mich bescheiden.

Seht, da bringt ihr, wie des Frühlings

Milde Sonne rosig aufglüht,

Bringt noch einmal mit den Blumen

Alle Füllen der Empfindung,

Heiße Tränen, junge Lieder;

Und, mir selbst ein selig Wunder,

Wieder leb' ich Liebesleben.

Wenn ich Glücklicher nun abends

Arm in Arm mit der Geliebten

Über stille Felder schreite,

Daß der Halbmond hold verschlungen

Unser Bild am Boden schattet,

Wenn wir dann am Wald uns ruhen,

Und in kühler Silberdämmrung

Hundert Frühlingsstimmen fluten,

Und ich näher noch und lieber

Meines Mädchens Herzschlag höre:

Wie vermag ich's da zu fassen,

Was mir in der Seele singet!

Mit des Dankes feuchtem Auge

Blick' ich um zur reichen Erde,

Blick' ich auf zum schönen Himmel,

Und den Segen, den ich leise

Sprechen möcht' auf Erd' und Himmel,

Küss' ich endlich süßverworren

Stumm auf die geliebten Lippen.