Schreiben Monsieur Tr. an Men.
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Wehrter Freund Du hast mir offt gesagt
Die Liebe sey ein Meer verwirrter Eitelkeiten.
Du sprachst: Wer sich hierauf aus bloßer Wollust wagt
Dem muß es mehrentheils den Untergang bereiten.
Und schiffet man zuletzt gleich in den Hafen ein;
So muß die Landung doch auch selbst ein Schiffbruch seyn.
Geehrter Freund mein Geist begreist nun deinen Sinn
Und wie den Unterricht der Tugend Zweck gewiesen.
Jedoch die schönste Zeit ist meistentheils dahin
Da ich zwar allezeit die Klugheit hoch gepriesen;
Doch mein bestricktes Hertz dem dein Verstand gebrach
Erkandte nicht was hier bey dir die Freundschafft sprach
Es war mir alles rein was du so weit verwarfst.
Ist Freundschafft sprach mein Hertz ist lieben ein Verbrechen?
Und siehe daß du mir in allen trauen darfst
So lobt ich meine Glut und pflegte wohl zu sprechen:
Ich liebe Tugendhafft und liebe was mich liebt
Diß ist mein Paradieß so mir der Himmel giebt.
Ich liebe wie man nur in Unschuld lieben kan
Ich find ein schönes Kind mit ihr ein neues Leben.
Ich bete sie fast mehr als wie den Himmel an
Mir kan ein Liebes Kuß das gröste Labsal geben.
Die Tugend bleibt hierbey der Hertzen Unterpfand
Ich liebe sie sie mich und beyde mit Verstand.
Doch da die Schlange so in meinen Busen schlich
Und mein sonst kaltes Hertz die Flammen wolte mehren
Versetzte sie der Brust den nie geglaubten Stich.
Es muste Gifft und Pein die heißen Adern nehren.
Und endlich merck ich erst daß dieses gantz gewiß
Was dein erfahrner Mund mir vormahls hören ließ.
Mein sonst Vergnügter Geist war allzeit mißvergnügt
Er labte sich nicht mehr an keuschen Freundschaffts-Küßen.
Die Wolluft hatte mich nun gantz und gar besiegt.
Ich wolte noch was mehr und etwas rarers wißen.
Und als die freche Faust verbohtne Rosen brach
Verlacht ich doch den Dorn der mein Gewißen stach.
Der gantz verirrte Sinn hieß annoch alles gut.
Vergib ich werde sie hinfort Syrene nennen.
Denn da ihr gantzes wohl auf ihrem Nahmen ruht:
Befiehlt mir der Respect, es niemand zu bekennen.
Ja das was ich und sie noch ferner hin gethan
Zeigt unsre Fehler zwar doch wenig Tugend an.
Wir lebten also noch in unsrer Liebe fort.
Syrene, und ihr Winck vermochten mich zu lencken
Da wo Syrene war diß hieß mein schönster Ort.
Zu letzt beliebte sie mir ihr Portrait zu schencken.
In meinen Augen war sie gantz alleine schön.
Und kurtz nun wolte Glück und Fall beysammen stehn.
Der Wechsel welcher uns am angenehmsten ist
Der Unbestand so meist bey allen Schönen wohnet.
Die Zeit die offt was Treu und redlich heißt vergißt
Und alles was die Brust mit eitel Schmertz belohnet
Fand sich auch noch zu letzt bey unsern Lieben ein
Und musten mehr vor mich als tausend Hencker seyn.
Nun stürtzte mich das Glück vom Anmuhts-Gipfel rab
Vor mein gelobtes Land must ich die Wüsten sehen.
Syrene zog nun mehr der Falschheit Masque ab
Es hieß ihr Wanckelmuht mich ins Verderben gehen.
Und was Potiphara mit Joseph dort gethan
Fieng sie hernach mit mir nur etwas klüger an.
Es sagt ein guter Freund so mich aufrichtig liebt
Sie pflege seine Hand an ihre Brust zu drücken.
Was bey Syrenen diß nun zu erkennen giebt
Hierein versichert er kan er sich selbst nicht schicken.
Sie ist vergnügt wenn sie in seinen Armen ruht
Und mißvergnügt wenn er nur etwas blöde thut.
Wiewohl es schweigt der Kiel da sonst mein redlich Hertz
Bey der Erinnerung sich fast zu weit vergehet.
M – – diese Brust hegt annoch vielen Schmertz.
Doch da ein anderer bey jener schönen stehet:
So schlag' ich mir mit Recht Syrenen aus dem Sinn
Da ich nicht gantz allein in ihrem Hertzen bin.
Es muß ein edler Geist sein eigner Meister seyn
Es mag Syrene gleich so Mund als Brust verpachten:
Mein Leben bleibt hierdurch von Wollust-Flecken rein.
Ich will nunmehr mit Lust Großmühtig sie verachten
Gnug daß ihr leichter Sinn der auch zu Stümpern steigt
Mir nun den rechten Weg zur wahren Klugheit zeigt.
So fieng sich Wehrter Freund die erste Neigung an:
So hatte kaum der Mund das Honig-seim genoßen
Da spürt ich bald darauf wie Galle schmecken kan
Und wie aus Amors Baum offt faule Zweige sproßen.
Und endlich hab ich nun mehr als zu spät erkennt:
Daß Klugheit schlechter Rauch wo Liebes-Feuer brennt.
Gewiß ich werde so als wie die meisten klug.
Mein Schaden muß mich auch zu Wahrer Kenntniß bringen.
Durch schnöder Wollust-Trieb durch Weiblichen Betrug
Muß ich mich an den Pol Wahrhaffter Tugend schwingen.
Verdient mein Lieben gleich gar einen schlechten Preiß:
So hilfft es doch daß ich was gut und böse weiß.
Man spricht von alle dem als wie ein kleines Kind
Das nichts wahrhafftes weiß und dennoch etwas nennet
Wo nicht Erfahrenheit und Wißen einig sind
Wo man die Tugend nicht so wie die Liebe kennet.
Die Tugend die verhaßt wenn Amor uns vergnugt
Hat bey dem Klügsten offt am Ende noch gesiegt.
Allein mein Hertzens-Freund aus Tugend wird hinfort
Der Liebe schlauer Trieb nicht in dem Hertzen rasen.
Ich suche nun mit dir der Tugend sichern Port.
Verstand und Klugheit soll in meine Seegel blasen.
Es geht mein Schiff nicht mehr nach Amors-Scillen hin
So lang ich unter dir und ein Matrose bin.