Schuldiges Mitleiden Bey Beerdigung Hn. J. G. Z. jüngsten Söhnleins 22. April. 1...

By Heinrich Mühlpfort

Der Mensch ist ja mit recht ein Gast der Welt zu schätzē

Denn heute kehrt er ein und Morgen wieder aus:

Die Trachten so die Zeit ihm pfleget fürzusetzen

Sind balsamirtes Gifft und überzuckert Grauß.

Es sey die Köderung so lieblich als sie wolle

Die Körner erster Lust sind Dörner letzter Pein

Daß nicht ein Aloe auf Julep folgen solle

Wär in dem grossen Saal der Erden ungemein.

Und unsre meiste Kost sind rasende Begierden

Jetzt macht uns Hoffnung satt bald füllt uns Schrecken an.

Den speiset höchst vergnügt ein Auge voller Zierden

Wenn der aus Gelddurst nicht bey Nachte ruhen kan.

Wir lassen nicht der Zeit erst Raum uns zu verzehren

Indem vergälter Haß und dürrer Neid uns frist

Denckt man fürm Untergang durch Kräuter sich zu wehren

So ist doch Fleisch und Blut das uns vom Tode list.

Wir müssen ingesammt die Würme Schwestern nennen

Und die Verwesung nur als Mutter sehen an.

Der Schluß ist längst gemacht daß Seel und Leib sich trennen

Die wird dem Himmel der der Erden beygethan.

Weil Sterben und Geburt sich fest umbwickelt haben

Das Leben und der Todt in gleichen Ketten gehn;

So ists kein Unterscheid daß dieser früh begraben

Ein ander spät hernach wird auff der Bahre stehn.

Betrübtste daß mein Wort von keiner Anmuth linde

Und heissen Schmertzen auch noch mehr die Sporen giebt

Erwecket der Verlust ob ihrem zarten Kinde

Das weils von Hertzen kam das Hertze tief betrübt.

Dem Gärtner bringt es Pein wenn seine Lust-Gefielder

Ein gifftig Reif bestreicht und alle Müh verderbt.

Wenn er ersticken sieht des Frühlings schöne Bilder

Und vor den wachen Fleiß nur lehre Stoppeln erbt.

Der Garten eurer Eh’ hat zweyfach Frucht getragen

Und mit der doppel-Lust das gantze Haus ergetzt;

Run eure Blume fält so ist sie werth zu klagen

Und daß der Thränen Thau noch ihre Blätter netzt.

Denn ob zwar die Vernunfft hier wil den Meister spielen

Indem sie schleust: Ein Sohn der Freuden Sammel-Platz

Der künftig Ehr und Ruhm kan dem Geschlecht erzielen

Des Vatern Ebenbild der Mutter Lust und Schatz

Ein Kleinot das geneigt hat die Natur gegeben

Ein Gut warumb der Mensch so sehr nach Gütern denckt

Ein Stab woran sich hält das hochbejahrte Leben

Ein Pfand das mit der Zeit den reichsten Wucher schenckt:

So muß doch die Gedult vernünfftig dis erwegen

Daß auch das Himmelreich den Kindern offen steht.

Gott hat es heimgeholt ein Kleid ihm anzulegen

Das vor der Sonnenstrahl und Schmuck der Sterne geht.

Es hat der reine Geist die Welt nicht sollen schmecken

Die Bisamkugeln weist und Wermuth-Knospen reicht.

Noch mit der Schmincke sich der Eitelkeit beflecken

So Sünde mit dem Schein der Tugend überstreicht.

Die Lasterreiche Kunst Gemüther anzukleiden

Verstellen Hertz und Sinn so bald es Nutzen bringt

Und unter vielem Lob des Nechsten Wolfahrt neiden

Hat die so zarte Seel nicht mit dem Netz umbschlingt.

Die saubren Glieder sind von Lusten nicht entweyhet

Denn seine Unschuld trotzt auch Perlen Lilgen Schnee

Er ist von so viel Qual die uns noch drückt befreyet

Er lauft den Hafen ein wir irren auf der See.

Hemmt Eltern euren Schmertz. In diesem Trübsals Garten

Traurt keine Blume nicht; Drumb ist der liebste Sohn

In jenes Land versetzt wo ihn die Engel warten

Er wächst er grünt er blüht gleich einer Käiser-Cron.

Hier knallt der Himmel offt von harten Donnerschlägen;

Dort weht ein Westen-Wind dem Sohn Narcissen zu.

Das eitle Blumwerck tilgt Wind Nebel Schnee und Regen;

Die Himmels-Blume hat von allen Wettern Ruh.

Sie konte den April der Zeiten nicht vertragen

Drumb ward sie einverleibt dem ewig grünen May.

Nun mag kein Hagel auf die edle Pflantze schlagen

Die Pracht bleibt unverletzt die Blüten immer neu.

Unwiederrufflich ists daß Lust ins Grab gewichen

Daß die Ergötzligkeit so aus den Händen fällt

Und mit dem lieben Kind viel Freuden sind verblichen

So mit Verlauf der Zeit sein Wachsthum angestelt.

Alleine unser Fuß kan nicht stets Rosen treten

Weil Jammer-Disteln offt verschrencken Weg und Bahn.

Der Mensch ist nur zu schwach die Dörner auszujäten

Sie hengen unvermerckt des Lebens-Acker an.

Auch jener Weise nennt ein todtes Meer das Leben

In welchem niemals sich die Kummer-Welle regt.

Was hier der Höchste nimmt das kan er wieder geben

Weil sein gewaltig Arm das Horn des Heiles trägt.

Ein rauher Sassafras gleicht keinem Mußcateller

Und doch der Würckung nach ists ein gesunder Tranck

Nach dickgewölckter Nacht erscheint die Sonne heller

Und durch Verstimmung lauft der zierlichste Gesang.

Der Sohn ist Thränen werth doch weil auch diese schwinden

So kan Bekümmerte der Schmertz nicht ewig seyn.

Die Zeit und die Gedult pflegt Wunden zuzubinden

Da eh ein hitzig Artzt setzt alle Messer ein.

Genung: die Flüchtigkeit ist Rosen nicht zu nehmen

Und unsrer Sterbligkeit Insiegel bleibt der Todt

Wer sich dem alten Bund und Recht nicht wil bequemen

Der lästert die Natur und handelt wider GOtt.