Schutzgedicht.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Im Liliengewand, in abendrothem Glanze

Sitzt hoch auf einem Regenbogenthron

Die Unschuld. Ihre Stirn, vom Amaranthenkranze

Umschattet, blickt nicht Trotz noch Hohn.

Doch blickt sie Würd' und Ruh. Der Spürhund

Argwohn wittert,

Die Dogge Klatschsucht bellet um sie her.

Ihr Schneegewand bleibt weiss. Ihr Stuhl bleibt

unerschüttert,

Und ihre Stirne wolkenleer.

O selig, selig, wer in ihrem sichern Schirme

Die Pfade wandelt, die die Pflicht ihm zeigt!

Er bleibt im Sonnenschein, und im Gebrüll der Stürme

Gleich unverzagt und ungebeugt.

Ihm ist ein stählern Bollwerk, eine Demant-

mauer

Sein Selbstbewustseyn, seines Werths Gefühl.

Ihm rauscht der Wolkenbruch wie Mayenregen-

schauer,

Ihm säuselt Boreas wie Sommerabendkühl.

Ihn regt des Gecken Spott, des Lästrers Nattern-

geifer,

Des Buben Hohngelächter keinen Schmerz.

Mit siebenfachem Erz umpanzert schöner Eifer

Sein kühnes, kaltes, edles Herz — —

Ihr wenigen, die ich in dieses Eylands Mitte

Fernahnend sucht', und sorgsam spähend fand,

Die unverschrobner Sinn und unverdorbne Sitte,

Und Herzenseinfalt mir verband;

Die ihr mich kennt und liebt, und die ich

kenn' und liebe —

Nicht euch zu lehren, singt mein Schutzgedicht.

Ihr sahet dieses Herz. Ich barg euch seine Triebe,

Sein Dursten und sein Sehnen nicht.

Saht ihr ein Laster drin? Vom Strand der

freyen Hylde

Kam ich zu euch mit ungebrochnem Muth.

Noch ungebändigt war des Jünglings Trotz und Wilde,

Noch unverlodert seine Gluth.

Ich irrt' umher und sucht' und las mir manche Blume

In unsrer grossen Mutter mildem Schooss;

Und sieh! im Grazienhayn, in Eros Heiligthume

Spross mir die Eine hold und gross.

Und ich gewann sie lieb. Ich barg sie vor dem

Wüthen

Des Mittagstrahls, vor Frost und Hagelschlag.

Und höher schoss ihr Halm, und tausendblättrig mühten

Sich ihre Blüthen an den Tag.

Ich hing mein Herz an sie. Doch fort ist meine

Blume,

Und ich verlasse nun den öden Ort.

Vom Hain Uraniens, aus Eros Heiligthume

Ist meine schöne Blume fort.

Ich mag nun auch nicht weilen. Lebet wohl Gefilde,

Ihr Kinder der Natur, so lieb, so voll!

Die Nachtigall kommt' itzt zu euch, und Frühlings-

milde —

Ich aber gehe — Lebet wohl!

Du hoher Rugard, dessen sündfluth-alten Rücken

Ich täglich fantasieenvoll bestieg,

Leb' wohl, und miss das Land und Meer mit fer-

nen Blicken,

Und klage, dass dein Dichter schwieg.

Ihr Guten, welche mir der Schwatzsucht Lug-

geträtsche

Der Rachsucht Ingrimm nicht entriss;

Lebt wohl und trotzt, wie ich, des Neidharts Zähn-

gefletsche,

Und der Verläumdung Vipernbiss.

Du endlich — Harfe, bebe nicht so stark! —

du Eine,

Um die so kämpfender Gefühle voll

Mein Busen überschwillt — du Einzige, du Meine,

Leb' ewig, schöne Seele, wohl!