Schutzgeister ...

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1861-01-01 - 1861-01-01

Nahe wieder sah ich glänzen

Meiner Firne scharfe Grenzen,

Meiner Alpen weiße Bünde,

Wurzelnd tief im Kern der Schweiz;

Wieder bin ich dort gegangen,

Wo die graden Wände hangen

In des Sees geheime Gründe

Mit dem dunkelgrünen Reiz.

Nimmer war der Tag so helle,

Niemals reiner meine Augen,

Erd und Himmel einzusaugen,

Meine Schritte gingen sacht;

Schauend pilgert ich und lauschte,

Weil ein guter Weggeselle

Heimlich Worte mit mir tauschte

Von der Berge Herzensmacht.

Traulich fühlt ich seine Nähe

Und mir ward, ob ich ihn sähe,

Und er sprach: „Vor manchen Jahren

Bin ich rüstig hier gereist,

Hier geschritten, dort gefahren!“

Und er lobte Land und Leute,

Daß sich meine Seele freute

An dem liebevollen Geist.

Und er wies auf ein Gelände:

„Hier an einem lichten Tage

Fand ich eure schönste Sage

Und ich nahm sie mit mir fort.

Wandernd hab ich dran gesonnen;

Was zu bilden ich begonnen,

Legt in Schillers edle Hände

Nieder ich als reichen Hort.“

Da er seinen Bruder nannte

Und mir drob das Herz entbrannte,

War's, als schlügen weite Flügel

Sausend über mir die Luft,

Schwingen, die den Raum besiegen,

Wie sie nicht um niedre Hügel

Flattern, Schwingen, die sich wiegen,

Herrschend über Berg und Kluft.

Selig war ich mit den beiden,

Dämmerung verwob die Weiden

Und ich sah zwei treue Sterne

Über meiner Heimat gehn.

Leben wird mein Volk und dauern

Zwischen seinen Felsenmauern,

Wenn die Dioskuren gerne

Segnend ihm zu Haupte stehn.