Schwesterngesundheit, ausgebracht am St. JohannisfestFußnoten

By Aloys Blumauer

Written 1776-01-01 - 1776-01-01

Das erste, Schwestern, was ich heut'

Bei dieser grossen Fei'rlichkeit

Euch werde bitten müssen,

Ist, daß ihr uns verzeiht, daß wir

Euch heut' schon wiederum die Thür

Zu unserm Mahl verschliessen.

Und dennoch lieben wir euch mehr,

Und sind um zehnmal artiger,

Als uns're Väter waren;

Denn hört nur, liebe Schwesterchen,

Wie die bei den Mysterien

Mit euch einst sind verfahren.

Gesetzt einmal, wir hielten euch

Den Weibern in Aegypten gleich,

Wie würdet ihr nicht zittern!

Ihr müßtet, ohne was zu seh'n,

Im Vorhof Mäus' und Käferchen,

Statt eu're Möpschen, füttern.

Man sah euch in Italien zwar

Der Isis opfern, doch da war

Der Eifer schon erloschen,

Und wo das Weibsvolk opferte,

Das waren nur verdächtige,

Geheime Winkellogen.

So hatt' auch einst in Persien

Ein König zwar Aspasien

Zum Priesteramt gelassen:

Doch mußte sie dafür zum Lohn

Sowohl vom Vater als vom Sohn

Sich initiiren lassen.

Die art'gen Herr'n, die Gallier,

Verleideten's euch noch weit mehr,

Den Priesterrock zu tragen;

Denn die darein sich kleiden ließ,

Die mußte Evens Apfelbiß

Auf Lebelang entsagen.

Und die, so schon vereh'licht war,

Die durfte nur einmal im Jahr

In Hymens Armen lachen:

Sagt, heißt das nicht die Priesterschaft

Euch recht mit Vorsatz eckelhaft,

Ja gar unmöglich machen?

Auch bei den alten Deutschen war't

Ihr nichts als Hexen schlimmer Art,

Behextet Küh' und Kälber.

Man sieht euch zwar das arme Thier

Nicht mehr verschrei'n; allein dafür

Behext ihr nun uns selber.

Zu Rom und auch in Gräcien

Ließ man euch nur die weiblichen

Mysterien verwalten:

Dergleichen habt ihr ja noch heut',

Und haltet noch dazu sie weit

Geheimer, als die Alten.

D'rum wünscht euch uns're Arbeit nie,

Denn wahrlich, Schwestern, sie ist die

Beschwerlichste aus allen:

Sie ist, damit ich's euch gesteh',

Die Kunst, euch mehr als andere

Profane zu gefallen.

Denn seht, nur euch zur Sicherheit

Pflegt man uns die Verschwiegenheit

So sehr an's Herz zu legen,

Und daß der Maurer seinen Hut

Vorsichtig nie vom Kopfe thut,

Geschieht bloß eu'retwegen.

Nur eu'retwegen üben wir

Im Schweigen uns: euch haben wir

Gehorsam zugeschworen.

Für euch nur, Schwestern, perorirt

Man uns so oft, und exercirt

Im Dulden uns're Ohren.

Für euch gewöhnet williglich

Der Maurer an die Binde sich,

Und thut Verzicht auf's Sehen:

Zu eu'rem Vortheil lernen wir

Behutsam klopfen an der Thür,

Eh' wir in's Zimmer gehen.

Nach eu'rer Vorschrift, Schwestern, sind

Wir Suchende so lange blind,

Als wir auf Reisen gehen,

Und euch zu Lieb' läßt man erst dann,

Wenn man es nicht mehr ändern kann,

Das Licht uns Armen sehen.

Für euch nur endlich feuern wir

Aus den Kanonen, welche hier

In voller Ladung stehen:

D'rum laßt die Arbeit uns, und seyd

Zufrieden, wenn ihr jederzeit

Da ärntet, wo wir säen.